„Wie nach einem Bombenangriff“
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50 Jahre nach dem Tornado: Experten ordnen das Naturphänomen ein, ein Zeitzeuge erinnert sich
Enzkreis/Pforzheim. „Schwerer Wirbelsturm im Raum Pforzheim hinterlässt breite Spur der Vernichtung“ titelt unsere Zeitung zwei Tage, nachdem ein Tornado die Stadt Pforzheim und einige Gemeinden des Enzkreises in den Abendstunden des 10. Juli 1968 heimgesucht hatte. Vor 50 Jahren dauerte es noch zwei Tage, bis der Wirbelsturm bundesweit Schlagzeilen machte. Am Beispiel des Naturphänomens zeigt sich der radikale Wandel, der sich auf der Ebene der Kommunikationsmedien vollzogen hat. Bruno Kirschbaum (74) war am Morgen nach der Katastrophe ahnungslos. Der Baustoffhändler war damals als Bauunternehmer mit seinen Mitarbeitern im VW-Bus von Lomersheim in Richtung Pforzheim zu einer Baustelle im Gewerbegebiet Brötzinger Tal unterwegs. Dort war seine Firma mit den Gründungsarbeiten für ein Fabrikgebäude beschäftigt. Zunächst bemerkte der damals 24-jährige Jungunternehmer auf der Anfahrt Dachziegel und Äste auf der Straße. „Kurz vor der Baustelle sah es aus wie nach einem Bombenangriff“, erinnert sich Kirschbaum. Auf der Baustelle herrschte Chaos. „Der Turmdrehkran lag quer im Baufeld, die Bauwagen in der Baugrube, auch sonst war kein Stein mehr auf dem anderen.“
Folgen des Wirbelsturms vom 10. Juli 1968: Bruno Kirschbaums Baustelle im Brötzinger Tal ist verwüstet, am Wald ist die Schneise klar zu erkennen, die der Tornado geschlagen hat. Foto: privat
Auf dem Dach liegende Autos, entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer und eingedrückte Fensterscheiben: Der Wirbelsturm hinterließ in der Region eine Schneise der Verwüstung. Über 300 Menschen erlitten Verletzungen, in Ottenhausen wurde ein Ehepaar durch ein herabfallendes Gebäudeteil getötet. Ein Dachdecker starb später bei den Aufräumarbeiten. Die Schäden summierten sich auf rund 130 Millionen Mark (wir berichteten). Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurden in Pforzheim und der Region etwa 3700 Häuser zum Teil schwer beschädigt. Über 1000 Haushalte waren längere Zeit ohne Strom. Der Katastropheneinsatz, an dem auch die Bundeswehr sowie französische und US-amerikanische Militäreinheiten beteiligt waren, zog sich nach Angaben des DWD bis zum 25. Juli. „Leider gab es, so die Einsatzkräfte, auch schon 1968 Behinderungen durch ,Katastrophentourismus’ in der betroffenen Region“, teilt der DWD mit.
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