Prozess auf der Klaviatur der Kulturen

Archiv

Freispruch für angeblichen Tyrann mit türkischen Wurzeln – Szenen einer unglücklichen Ehe

Maulbronn. Ein Tyrann mit türkischen Wurzeln, der seine Frau erniedrigt, schlägt und isoliert, oder ein Opfer, das auf der Klaviatur der kulturellen Vorurteile spielt und den (Noch-)Ehemann zu Unrecht schwer belastet? In dem Prozess vor dem Amtsgericht Maulbronn, der gestern mit einem Freispruch zu Ende gegangen ist, war nur eins unzweifelhaft: Die Ehe des Paares war geprägt von heftigen Auseinandersetzungen. Ob der Mann jedoch am 2.November 2016 seine Frau eine halbe Stunde lang geschlagen, getreten und fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hat, schien am Ende nicht nur Amtsgerichtsdirektor Dr. Bernd Lindner mehr als zweifelhaft. Auch Staatsanwalt Bernhard Martin sah keine objektiven Beweise, die für eine Verurteilung ausreichen. Stattdessen habe das vermeintliche Opfer vor Gericht ein Bild ihres Ehemanns und seiner Familie gezeichnet, das allen Klischees einer rückständigen türkischen Familie entspreche. „Dieses Bild stimmt einfach nicht“, stellte Martin in seinem Plädoyer fest.

Tatsächlich sind während der Beweisaufnahme viele Darstellungen des vermeintlichen Opfers, das als Nebenklägerin auftrat, geplatzt wie Seifenblasen. Etwa, dass der Mann ihr verboten habe zu arbeiten oder dass er sie isoliert und daran gehindert habe, Deutsch-Unterricht zu nehmen. Richtig ist vielmehr, dass die Frau gearbeitet hat, ihre Stelle dann aber kündigte, weil die Arbeit ihr zu schwer war, dass sie auf Drängen ihres Mannes mehrere Deutsch-Kurse besucht und in einem Fitnessstudio trainiert hat. Das Bild des vom bösen Tyrannen unterdrückten Heimchens am Herd zerbröselte während der Beweisaufnahme wie ein viel zu trockener Streuselkuchen. Auch der Umstand, dass die Diagnose der Ärztin, die das Opfer zwei Tage nach der angeblichen Prügelorgie untersucht hat, sich nicht deckte mit Kung-Fu-Tritten, Faustschlägen und Würgeattacken, sondern lediglich einen kleinen Bluterguss oberhalb der Kniekehle, Kratzspuren, die von einem Gerangel stammen könnten, und einen Druckschmerz im Bereich der Halswirbelsäule festhielt, ließen beim Staatsanwalt Zweifel aufkommen, ob der Vorfall sich wirklich so zugetragen hat, wie die Frau zwei Tage später bei der Polizei zu Protokoll gegeben hat.

Wir freuen uns, dass Sie sich für einen logo Artikel interessieren. Jetzt registrieren und weiterlesen.

  • Alle Webseiteninhalte
  • Inklusive aller logo Artikel
  • Jederzeit kündbar

Sie sind bereits Abonnent? Hier einloggen

Artikel empfehlen