Kampf um Azubis und gegen das Chillen

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Die Kreishandwerkerschaft schlägt Alarm angesichts eines sich abzeichnenden neuen Minusrekords bei den Azubi-Zahlen 2020. Daran sind sowohl die Coronakrise als auch allgemeine Trends schuld. Handwerk wirbt mit guten Karriere- und Aufstiegschancen.

Enzkreis/Pforzheim. Noch deutlich weniger Auszubildende als bereits in den Vorjahren könnten in den Handwerksbetrieben der Region 2020 eine Lehre beginnen. Diese Sorge treibt Timo Gerstel um, den Obermeister der Kfz-Innung für Pforzheim und den Enzkreis, ebenso Matthias Morlock, den Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. An diesem Freitagmorgen berichten sie über den alarmierend niedrigen vorläufigen Anmeldestand an den Berufschulen. „Die Zahlen sind massiv in die Knie gegangen“, stellte Timo Gerstel fest und kritisierte, dass das Kultusministerium an den allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg Corona-bedingt noch immer Schulpraktika ausgesetzt habe. Die Zahlen lägen momentan über ein Fünftel unter denen des Vorjahrs zu diesem Zeitpunkt, im Kfz-Handwerk seien sie sogar um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen.

Schon damals wies der Trend aber bereits länger in eine einzige Richtung: nach unten. Gerstel, Morlock und Kibele betonten, wie groß die Chancen im Handwerk seien und wie sehr die Berufsschulen, Kfz-Innung und Kreishandwerkschaft bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz behilflich sein könnten, sobald sich junge, interessierte Leute bei ihnen meldeten. Doch genau hier liegt die Crux: Wenn es nicht am grundsätzlichen Interesse für handwerkliche Berufe scheitert, denen zu Unrecht das Image von dreckiger und rückständiger Arbeit anhaftet, wie Gerstel für das Kfz-Handwerk deutlich machte, dann gibt es zahlreiche andere Hürden, an denen Interessenten unter Umständen hängen bleiben. Schlimmstenfalls gingen sie dem Handwerk so verloren, warnte Morlock vor den Konsequenzen. Ein Problem: Unrealistische Vorstellungen vom Berufsleben, mehr von Werbe-Trugbildern als realistischen Einschätzungen geprägt. Morlock und Gerstel erzählten von Bewerbern im Kfz-Bereich, die sich zum Beispiel bei der Lehrstellensuche ausschließlich für Premiumfabrikate wie Porsche, Daimler und Audi interessierten. Scheitere die Bewerbung in Vertragswerkstätten – wegen Corona und dem Strukturwandel in der Automobilbranche würden Ausbildungsplätze zurückgefahren –, gäben diese Interessenten die Idee einer handwerklichen Lehre eher ganz auf, als sich nach Alternativen, etwa in unabhängigen, kleineren Werkstätten, umzusehen, erklärte Gerstel.

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