Gott das Herz ausschütten

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Gedanken von Gerhard Bauer, Evangelisch-methodistische Kirche

„Wenn was schief läuft, muss man anpacken. Hände in den Schoß legen und beten hilft doch nicht.“ Das höre ich häufig, wenn die „Macher“ am Start und irgendwo Probleme zu lösen sind. Beten scheint bei solchen Leuten keinen guten Ruf zu haben, es klingt für sie so nach „auf die faule Haut legen“, selbst keine Verantwortung übernehmen und den lieben Gott mal machen lassen – und der, so glauben sie, bequemt sich sowieso nicht her. Wenn das stimmt, wäre es bitter. Aber was, wenn es nicht stimmt? Wenn Beten doch etwas verändert? Immerhin steht in der Bibel unglaublich viel über das Beten, also muss doch irgendwas daran sein! Viele Menschen haben das selbst erlebt. Aber was ist „Beten“ eigentlich? Beten wird sehr oft mit „bitten“ gleichgesetzt. Dem Wortursprung kommt das sogar recht nahe, und das Bitten hat beim Beten auch seinen Platz, aber Beten ist doch viel mehr. In den vergangenen Wochen war ich als Pastor auch die meiste Zeit im Homeoffice, ich konnte nicht unterwegs sein und keine Hausbesuche machen. Mir hat der Kontakt zu den Gemeindegliedern gefehlt, das Erzählen und Zuhören.

Gott das Herz ausschütten

Ich habe dann angefangen, jeden Tag einige Gemeindeglieder anzurufen und ganz neu entdeckt, welch eine segensreiche Erfindung das Telefon doch ist. Ich habe mich nach dem Ergehen erkundigt und habe zugehört und manchmal auch Mut gemacht oder Trost zugesprochen. Ich habe auch von mir erzählt, und am Ende hatten wir an beiden Enden der „Leitung“ das Gefühl, einander doch recht nahe gewesen zu sein. In diesen Telefonaten haben wir die Beziehung zueinander – durch die Verbindung im Gespräch miteinander – aufrechterhalten und oft auch vertieft. Ist Beten wie Telefonieren? Ich weiß, dass dieses Bild hinkt, aber ich denke, es kann eine Hilfe zum Verstehen sein, was Beten im Blick auf unsere Beziehung zu Gott hin sein will. Im Gebet wenden wir uns Gott zu, suchen den Kontakt mit ihm. Im Gebet teilen wir uns Gott mit, schütten ihm unser Herz aus und teilen unsere Freude mit ihm. Im Gebet sprechen wir unsere Sorgen und Ängste aus und – ja, wir bitten Gott auch um seine Hilfe. Im Gebet danken wir Gott auch für erlebte Hilfe und Geglücktes. All das ist Beten, aber es sogar noch mehr: Beten ist nicht nur Reden, sondern auch Hören. Beten ist keine Einbahnstraße, sondern wie Telefonieren auch ein interaktives, also beidseitiges Geschehen. Beim Beten sprechen wir zu Gott, aber Gott will auch zu uns sprechen. Er hört uns zu, aber auch wir sollen ihm zuhören. Denn Gott hat uns auch etwas zu sagen. Für eine gute Beziehung ist beides wichtig: reden und zuhören. Das gilt auch fürs Beten.

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