Faustische Seele in weiblicher Brust
Archiv
Knittlingen (pm). Am morgigen Sonntag, 29. Juni, 16 Uhr, präsentiert das Faust-Museum/Faust-Archiv nun den im Rahmen der Reihe Jour fixe am Sonntag, 25. Mai, entfallenen Vortrag „Faustische Seele in weiblicher Brust: Franziska“ von Frank Wedekind mit der Theater- und Literaturwissenschaftlerin Kirstin de Boer .
Das in den frühen 1910er Jahren entstandene Werk „Franziska“ gehört nach Expertenansicht zu den eher vernachlässigten Werken Wedekinds. Unter Verwendung von Elementen des Faustmythos, wie er sie in der Historia von D. Johann Fausten, in Paul Weidmanns Johann Faust und natürlich in Goethes Faust vorfand, konstruierte Wedekind seine „Faustine“. Im faustischen Freiheitsdrang verschmäht die 18-jährige Franziska die Ehe mit ihrem älteren Liebhaber. Sich selbst will sie erkennen – und so erscheint das Angebot von Veit Kunz, dem an ihre Tür klopfenden Mephistopheles, sehr attraktiv: Auf zwei Jahre verwandelt er Franziska in einen Mann, die ihm dafür versprechen muss, bis an ihr Lebensende seine Leibeigene zu sein. Der alte Fauststoff erhält hier eine neue erotische Dimension. Was Goethes Faust Auerbachs Keller ist, ist Wedekinds Faustine Claras Weinstube. Wie der männliche Faust von Gretchen auf die Probe gestellt wird, muss sich die zum Manne gewordene Franziska von ihrer Ehefrau Sophie befragen lassen. Schließlich tanzt auch Franziska im ekstatischen Rausch – und zwar nicht auf dem Blocksberg, sondern hinter einem Theatervorhang. In Franziska experimentiert Wedekind mit dem Faustmythos, mit Geschlechterrollen und mit den Möglichkeiten von Literatur. Keine Eins-zu-eins-Übertragung hat er im Sinn, sondern eine hintersinnige Parodie des Fauststoffs und der literarischen Figur des ewig strebenden Mannes.
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