Ein Dorf im Theaterfieber
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Die Dietlinger Naturbühne wurde vor 100 Jahren aus dem Boden gestampft
Keltern-Dietlingen. Mit der Kutsche von Karlsruhe nach Dietlingen zu kommen, das war kein Zuckerschlecken Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Doch genau dieses Unterfangen hatte sich Prinz Max von Baden eines schönen Sommertages als Sonntagsausflug vorgenommen. Er wusste aber auch, dass ihn Besonderes erwarten würde: eine Freilichtaufführung der „Dietlinger Naturbühne“. Und nicht irgendeine: die Hauff’sche Erzählung Lichtenstein. Und das vor einer „lebensgroß“ gebauten Kulisse mit einer Burg aus Holz und allem, was laut Wilhelm Hauff dazugehörte. Prinz Max wurde gebührend empfangen und mit ihm seine Frau, Marie-Luise von Hannover. Die Dietlinger boten dem hohen Gast ein entsprechendes Schauspiel. Es ist anzunehmen, dass der Prinz die Fahrt nicht bereut hat.
Nur noch grüner Dschungel ist an der Stelle zu sehen, an der Reiner Bürkle eine Ansicht der Dietlinger Naturbühne ins Grün hält.
Fast die Hälfte des Dorfes war vor 100 Jahren dem Theaterfieber verfallen: 600 Dietlinger, Kinder bis zu Erwachsenen, spielten als Komparsen etwa eine Zigeunerschar und was auch immer dazugehörte. „Dietlingen muss damals so etwa 1800 Einwohner gehabt haben“, schätzt Wilhelm Bischoff. Der ehemalige Rathausmitarbeiter kennt Dietlingen und natürlich alles, was sich je hier zugetragen hat, wie seine Westentasche. Er zeigt alte Dokumente, die etwas belegen, was man sich kaum vorstellen kann: eine riesige Fläche, auf der diese künstliche Burg stand, eine große Zuschauerhalle, die 3000 Leute fasste und tatsächlich auch gefüllt wurde. „Die Leute kamen von Pforzheim, von Karlsruhe, von überall her.“ Man hätte, so meint Wilhelm Bischoff, gar den Volksschauspielen Ötigheim den Rang ablaufen, zumindest aber starke Konkurrenz machen können. Doch der Erste Weltkrieg bereitete dem Theatervergnügen ein jähes Ende, der Faden wurde nach Ende des Krieges nie mehr aufgenommen.
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