(De-)maskiert
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Als niedergelassener Arzt macht sich Kreisrat Dr. Till Neugebauer nicht nur Gedanken über die Gesundheit seiner Patienten, sondern auch über die der Bürger. Was die Sehkraft des AfD-Kreisrats Klaus Fuchs betrifft, sind alle Sorgen unbegründet. Er verfügt über Adleraugen. Ein Statement von Neugebauer im Sozial- und Kulturausschuss des Kreistags zum Umgang mit der Corona-Pandemie – trotz Mundschutzmaske deutlich vorgetragen – kommentierte Fuchs aus gefühlten 20 Metern Entfernung aus der anderen Ecke des Sitzungssaals: „Ich stelle fest, dass Sie mit Ihrer Maske die Nase nicht bedeckt haben.“ Dies könnte man als leise Kritik verstehen. Pikant ist nur, dass Fuchs der einzige Kreisrat war, der in der Sitzung beharrlich die Empfehlung der Verwaltungsspitze ignorierte, eine Maske zu tragen. Vielleicht ist der Historiker und Philologe ja immun... Zu seiner Ehrenrettung muss aber auch gesagt werden, dass viele Kreisräte mit der Empfehlung fremdelten, an ihrer Maske zuppelten, sie beim Sprechen absetzten, danach auf dem Tisch ablegten, verstohlen ins Rund blickten, um sie dann doch wieder aufzusetzen. Von solchem Fremdel-Gebaren konnte bei Fuchs keine Rede sein. Der Mann demonstrierte mit seiner Antimasken-Haltung, was er von Corona-Schutzmaßnahmen hält. Deshalb musste er zwangsläufig auf die Wortmeldung von Neugebauer abfahren.
Neugebauer hatte vorgerechnet, was passiert wäre, wenn Deutschland dem schwedischen Weg gefolgt wäre: „Dann hätten wir 40000 Tote.“ Der AfD empfahl er derweil, „sich beim Gesundheitsamt, den Kliniken und Ärzten zu informieren, was abgegangen ist und immer noch abgeht, bevor sie der Bevölkerung suggerieren, die Schutzmaßnahmen seien nicht nötig“. Aber das sei das Präventionsparadoxon: Sind Maßnahmen erfolgreich, vergisst man, warum sie ergriffen wurden, und sie werden gleichzeitig infrage gestellt. Besonders Populisten scheinen hier sehr anfällig zu sein. So hat AfD-Chefin Alice Weidel Mitte März der Bundesregierung vorgeworfen, viel zu lässig mit der Gefahr umzugehen, um Ende April die „desaströse Chaos-Politik der Bundesregierung“ zu geißeln und zu fordern, die Schutzmaßnahmen nachhaltiger zu lockern. Aha. Die deutsche Alice gibt die schwedische Pippi Langstrumpf: „Ich mach’ mir die Welt, Widdewidde, wie sie mir gefällt.“
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