Auf dem Zipperle-Markt tanzen die Veteranen
Archiv
Das Seniorentheater Eulenspiel lässt in der Bar „Zur Nachteule“ Schicksale der älteren Generation aufeinanderprallen
Pforzheim. „So ein Schuft“, hört man jemanden im Publikum raunen. Thekla (Ruth Mikkelsen) hat gerade bitter ihr Leid geklagt. Ihre Hoffnung, dass Ehemann Heinrich (Hansjörg Hähnle) nach 34 Ehejahren nun als frischgebackener Jung-Rentner eine Wende in der Beziehung herbeiführen oder wenigstens die Hälfte der benötigten Lebensmittel vom Einkauf nach Hause bringen könnte, gleicht einer Seifenblase, doch die ist wenigstens noch schön, bevor sie platzt. „Ja, so ist das“, ist der nächste geflüsterte Kommentar. Dieses Mal erzählt die vermeintlich glückliche, weil reiche Dame Eleonora (Katalin Erat), dass ihr „Mr. Right“ sie zwar auf Moneten gebettet, aber all ihre Lebensträume wie Ausbildung, Baby und mehr gekillt hat, dann nach einer Affäre mit der halb so alten Melanie krank nach Hause ins Pflegebett gekrochen ist. Als Heinrich davon berichtet, dass er zu Hause beim täglichen Großreinemachen nur im Weg sei und mit seiner ungewohnt vielen Freizeit nichts anzufangen weiß, bleibt das Publikum im Studio des Kulturhauses still. Männer geben ja nur ungern in der Öffentlichkeit Lautäußerungen in Bezug auf Emotionen. Aber es sind eindeutig nicht nur welche auf der Seniorentheaterbühne von „Eulenspiel“, sondern auch im Publikum, das, zahlreich erschienen, die Premiere des Stücks „Zur Nachteule“ genießt.
Für das neue Stück ist eine Kneipen-Szene geschaffen worden, es bedarf keiner Umbau-Pausen, denn die Szenerie füllt sich von allein mit Leben. Es sind gut ein Dutzend Geschichten in der Geschichte, die erzählt werden. Immer neue Menschen stranden in der Bar, trinken Kaffee oder greifen gleich verzweifelt zum Jägermeister. Manche wie Oscar (Peter Graf-Gerstenäcker) suchen eine Auszeit vom Heim „Abendsonne“ – ein „Platz an der Sonn(de)“. Es kommt die Berberin Paula (Ingeborg Hennig) hinzu, erst naserümpfend, dann mit Milde betrachtet, als sie erzählt, wie ihr Bruder sie und die Firma den Bach runtergehen ließ. Die ehemalige Balletttänzerin und Kellnerin Raja (Bianca Hausch) tanzt auf dem Abstellgleis, auch die Kneipenchefin Miranda (Heide Sommer) muss feststellen, dass man nach den Wechseljahren als Schauspielerin nicht mehr interessant für den Markt ist. „Höchstens noch für den Zipperleinmarkt“, ulkt Oscar. Willi wiederum ist einfach Willi (Rudolf Stolze), der gern Karten spielt, ein sichtlich zufriedener Geselle, der durch das Raster der sich im ständigen Kampf mit der Welt, mit sich, mit den Vorurteilen Befindenden durchfällt. Und dazwischen saust wie ein grüner Blitz – nomen est omen? – Victoria van Geestern (Claudia Lang) im Zickzack durch die Senioren – dabei Kalenderblatt-Sprüche wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und „Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen“ im Stakkato von sich gebend. „Achtung, Veteranen-Casting“, ruft Oscar hinterher. Dann doch lieber den „Horror-Skopen“ der lebenslustigen Aurora (Monika Bernecker) Glauben schenken, die zwar viel Humbug von der großen Liebe erzählt und zur Belustigung des Publikums die passende Spitzenwäsche gleich parat hat, aber doch mit ihrer Lebenslust ansteckend wirkt. Und genau das ist wohl auch die Botschaft des Abends, der nachdenklich machen könnte, in erster Linie aber versöhnlich stimmt: Zusammen ist man nicht allein. Zusammen kann man weinen und lachen und selbstironisch singen: „Wo ist die Power geblieben?“ In dem Fall ist die Antwort einfach: auf der Bühne bei den mit Herzblut spielenden Akteuren von „Eulenspiel“.
Wir freuen uns, dass Sie sich für
einen Artikel interessieren.
Jetzt registrieren und weiterlesen.
- ➔ Alle Webseiteninhalte
-
➔ Inklusive aller
Artikel
- ➔ Jederzeit kündbar
Sie sind bereits Abonnent? Hier einloggen