Die Unverrückbaren

Knittlingen

Einzelstück: In der privaten Heimatsammlung von Roland Stricker in Knittlingen sind unter anderem historische Grenzsteinzeugen zu sehen, die in vielerlei Hinsicht vergangene Jahrhunderte lebendig werden lassen.

Nur eines der bemerkenswerten Stücke, die der leidenschaftliche Sammler Roland Stricker zusammengetragen hat. Foto: privat

Nur eines der bemerkenswerten Stücke, die der leidenschaftliche Sammler Roland Stricker zusammengetragen hat. Foto: privat

Von Roland Stricker

Knittlingen. Grenzen sind hinsichtlich ihrer Funktion in heutiger Sicht Linien, Flächen oder Zonen, an denen Gebiete, Räume oder Gruppen unterschiedlicher Zugehörigkeit oder verschiedener Struktur aufeinandertreffen – so ist es im Lexikon nachzulesen. Die rechtliche Definition eines Grundstücks lautet: „Ein Grundstück ist ein räumlich abgeteiltes Stück Erdoberfläche, welches mit einer eigenen Nummer versehen ist.“

Wo es um Rechte an Flächen geht – um Besitz, Gerichtsbarkeit, Jagd, Weide, Fischerei –, müssen Grenzlinien nicht nur scharf, sondern auch deutlich erkennbar gezogen und bezeichnet sein, will man Streitfällen vorbeugen. Die Grenzen festzulegen, sich um die Erhaltung der Grenzzeichen zu kümmern und Grenzstreitigkeiten zu bereinigen, war Aufgabe der Untergänger. Zu solchen wurden stets nur besonders vertrauenswürdige Menschen gewählt, meist fünf oder sieben, die einen Eid leisten mussten und zur Verschwiegenheit verpflichtet waren. Als Untergang bezeichnete man nicht nur die Kontrolle der Grenzen, sondern auch das Feldgericht, also das Gremium der Untergänger (Feldrichter) und ihren Urteilsspruch. Somit stellten die Feldgeschworenen einen gewichtigen kommunalen Rechtsträger dar. Sie entschieden bei Grenzstreitigkeiten mit Hilfe ihres „Zeugengeheimnisses“ (auch Siebenergeheimnis genannt) über den Standort eines Steins.

Etwas anderes war der Grenzumgang, zu dem man meist einmal im Jahr zusammenkam und an dem alle Ortsbürger, die älter als zwölf Jahre waren, teilnahmen. Er sollte nicht nur den Anspruch auf das begrenzte Gebiet zum Ausdruck bringen, sondern auch die Kenntnis vom Verlauf der Grenzen bewahren helfen.

Dabei machte man sich bis ins 19. Jahrhundert hinein zunutze, dass sich Menschen ein besonders schönes oder besonders unangenehmes Erlebnis lange zu merken pflegten. Deshalb verpasste man den Buben an den Grenzpunkten eine gehörige Tracht Prügel, gab ihnen eine besonders eindrucksvolle Belohnung oder trieb einen derben Spaß mit ihnen.

Um zu verhindern, dass die Grenze durch unbeabsichtigtes Verrücken eines Steins etwa beim Pflügen oder durch ein Fuhrwerk, durch mutwilliges Versetzen oder gar durch Entfernen eines Grenzsteines verschoben werden konnte, sicherten die Untergänger den Standort vermutlich seit dem 14. Jahrhundert durch geheime Kennzeichen, Grenzzeugen, Grenzsteinzeugen, Marksteine oder auch Gemerke genannt. Dies waren nicht verrottbare Gegenstände wie Scherben, die an Ort und Stelle gebrochen wurden und sich wieder zusammenfügen lassen mussten. Auch Münzen, Ziegel oder ähnliche Objekte, die Untergänger unter dem Grenzstein in den Boden legten, wurden verwendet. Vom 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren vor allem mit Wappen und/oder Buchstaben gekennzeichnete Ziegelmarken üblich. Sie konnten vier- oder dreieckig, rund oder gar als spitze Kegel geformt sein. Wurde der Stein umgerissen oder entfernt, so blieb der Grenzpunkt doch noch nachweisbar. Beim Verlegen dieser Zeugen durfte niemand außer den Untergängern zugegen sein. Ein nicht verzeugter Stein hatte keine Beweiskraft.

Die grausame Gerichtsbarkeit des Mittelalters bestrafte das heimliche Versetzen von Grenzsteinen auf der Feldmarkierung oft mit dem Tode. Daher mag auch der Ausdruck stammen, den noch heute manch schwäbischer Bauer sagt, wenn er sich über einen Mitmenschen ärgert: „Sottiche hot mr früher neizackert.“ Hauptsächlich wurden solche Grenzsteinzeugen im süddeutschen Raum verwendet und hier vor allem in Württemberg. Auch aus Baden, Hessen, der Nordschweiz sowie Bayern, Österreich, Thüringen und Sachsen sind solche Zeugen überliefert. Solche „Knittlinger Grenzsteinzeugen“ sind zu besichtigen in der Heimatsammlung von Roland Stricker in Knittlingen. Hier kann man, nach Terminabsprache, einen Einblick in die Vergangenheit gewinnen. Da es sich um eine private Sammlung handelt, greift hier die Fünf-Personen-Regelung aus zwei Haushalten, so dass man sich auch während Corona eine Zeit lang in das „vergangene Knittlingen“ entführen lassen kann.

(Quellen: Wikipedia, „Beiträge zur Landeskunde des Staatsanzeigers für Baden-Württemberg 1993“)

Kontakt: Stricker.roland@gmx.de

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