„Plötzlich wurde es ganz still“

Wirtschaft

Die Nachricht vom Verkauf des Mulfinger Traditionsunternehmens schlug ein wie eine Bombe in der kleinen Gemeinde. So waren die ersten Reaktionen.

Das Traditionsunternehmen gehört jetzt einer US-Firma.

Das Traditionsunternehmen gehört jetzt einer US-Firma.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Von Antonio De Mitri

Montag, 17. August. Der erste kühlere Tag nach der Hitzewelle der vergangenen Wochen. Eigentlich ein Wetter zum Aufatmen. Aber an diesem Tag halten die Menschen in Mulfingen eher die Luft an. Um 13 Uhr geht die Nachricht vom Verkauf per Intranet raus an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. EBM-Papst wird in die USA verkauft. „Wir haben uns erst einmal ungläubig angestarrt“, berichtet Jörn E (Name von der Redaktion geändert). „Einer meinte: Das ist jetzt ein Witz, oder?“ Die meisten sagen erst mal gar nichts: „Plötzlich wurde alles ganz still.“

Mit 100.000 D-Mark ging alles los

Minuten später weiß es der ganze Ort. Mulfingen hat 3600 Einwohner. Rund ein Zehntel arbeitet bei EBM-Papst. 17 Uhr vor dem LBV Frischemarkt: Eine junge Frau nähert sich ihrem Van mit dem Einkaufswagen, an ihrer Seite der sechsjährige Sohn. „Mein Mann arbeitet seit zehn Jahren beim EBM“, sagt sie. „Wir sind jetzt maximal verunsichert, was mit uns passieren wird.“ Auch wenn es in der Pressemitteilung heißt, der Sitz in Mulfingen und die Jobs blieben sicher.

Vom Parkplatz aus sind es keine sechs Kilometer die Straße hoch nach Hollenbach. Da, wo das Unternehmen sitzt, das vor sechs Jahrzehnten von Gerhard Sturm gegründet wurde. Damals hatte er sich 100.000 D-Mark von seinem Bruder geliehen und mit dem Bau des ersten Betriebsgeländes in Mulfingen begonnen. Elektro-Bau Mulfingen, EBM. Die Auflagen waren hart. Das Landwirtschaftsministerium hatte Sorge, dass ein Maschinenwerk die ländliche Infrastruktur zerstören könne. „Maximal 85 Mitarbeiter“, war die Vorgabe aus Stuttgart. 26 Jahre später fahren hier fast 3800 Menschen täglich zur Arbeit. Weltweit sind es mehr als 13.000.

„Die haben doch eine Verantwortung uns gegenüber“

Sturm hat einen Satz geprägt, der in Hohenlohe inzwischen nahezu legendären Charakter hat: „Jedes Produkt muss ökonomisch und ökologisch seinen Vorgänger übertreffen.“ Das war die Maxime für das Unternehmen. Das war der Antrieb für seine Beschäftigten. „Der Satz motiviert tatsächlich unheimlich“, sagt Jörn E. Was ihn fassungslos macht: „Dieser Verkauf, das passt doch nicht zu einem Familienunternehmen. Die haben doch eine Verantwortung uns gegenüber.“, findet er. „Unsere Mitarbeitenden“, hat Gerhard Sturm einmal im Interview gesagt, „sind die wichtigste Ressource unseres Unternehmens und waren der Erfolgsgarant für unsere Firmengeschichte. Die meisten bleiben, wenn sie einmal bei uns arbeiten.“

Im vergangenen Jahr ist Gerhard Sturm 90 geworden. Als Letzter der „Drei aus einer Klasse“, wie Walter Döring sein Buch von 2022 betitelt hatte, in dem er Reinhold Würth, Albert Berner und Sturm porträtiert – die Klassenkameraden von einst und späteren Weltmarktführer in Hohenlohe. Döring ist in Hohenlohe „Mr. Weltmarkführer“. Mit seinem Gipfeltreffen der Weltmarktführer hat Baden-Württembergs ehemaliger Wirtschaftsminister die Region weit über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht. Wie der Zufall es will, hat er just einen Morgen nach der Knaller-Neuigkeit einen Termin in Mulfingen. Beim EBM-Nachbarn Jako, keine 350 Meter entfernt. Man kann sich praktisch über den Zaun gucken.

Ein gefährliches Signal?

Bei einer Tasse Kaffee sitzt Döring mit Jako-Gründer Rudi Sprügel zusammen. Es gibt erst einmal nur dieses eine Thema. „Ich dachte im ersten Moment: schade, bei einem Familienunternehmen wie EBM-Papst“, erzählt Döring, und dass es „tatsächlich schmerzt“. In der neuen Partnerschaft mit Madison Air sieht er aber auch  große Chancen. „Da vertraue ich vor allem auf den Geschäftsführer Klaus Geißdörfer.“ Dennoch warnt er: „Alle, die gerade laut über die Deindustrialisierung Deutschlands reden, bekommen Wasser auf die Mühlen.“ Die Stimmung, so Döring, sei eh schon schlecht genug.

Das Erfolgsrezept von Firmengründer Gerhard Sturm, erinnern sich seine Wegbegleiter, waren nicht unbedingt die Ventilatoren an sich, die er baute. Wie kaum ein anderer Unternehmer in der jungen Bundesrepublik hatte er aber ein Gespür für die Internationalisierung. „Gleich in den ersten Jahren habe ich mich mit dem Auto nach Holland, Frankreich etc. aufgemacht, um erste Kontakte in Europa zu knüpfen.“ Heute zählt das Unternehmen 57 Vertriebsstandorte weltweit.

US-Geschäft wächst seit Jahren

Seit 1980 auch in den USA. Mit einem Werk in Farmington, Connecticut, ging es los, 2022 folgte ein weiteres in Telford, Tennessee. Für drei Millionen Euro wurde Farmington vor zwei Jahren noch einmal erweitert, und auch Telford soll größer werden. Seit Jahren schon setzen die Mulfinger in den Staaten auf „local for local“, sprich: produzieren vor Ort, um näher an den Kunden zu sein, schneller auf den Markt reagieren zu können, um Lieferketten krisensicherer zu machen. Und nicht zuletzt: um dem leidigen Zollterror eines Donald Trump aus dem Weg zu gehen. Heute macht das US-Geschäft bei EBM-Papst 420 Millionen Euro aus. Ein Fünftel des Gesamtumsatzes.

Ralf Sturm löste den Vater 2017 im Unternehmensbeirat ab. In seine Zeit fällt ein radikaler Umbau, tatkräftig unterstützt durch Geschäftsführer Klaus Geißdörfer, der 2021 an Bord kam. 2022 verkündet das Unternehmen seinen Ausstieg aus dem Automotive-Sektor. Ein Bruch. „Eine Revolution“, schrieb der „Focus“. Autos und Lastwagen mit Kühlung zu versorgen, war Tradition. Wenige Jahre später der nächste Bruch: EBM-Papst verkauft seine Sparte Industrielle Antriebstechnik an Siemens. 650 Beschäftigte inklusive. „Wir wollen uns auf das Kerngeschäft Luft- und Heiztechnik konzentrieren und die Transformation des Unternehmens sowie den internationalen Ausbau forcieren“, sagte damals Klaus Geißdörfer, als der Deal bekannt wurde.

Das war im März 2024. Ein schwieriges Geschäftsjahr für EBM-Papst. 13 Prozent weniger Umsatz gegenüber dem Vorjahr. Zwei Jahre später, es ist Juni 2026, verkündet das Unternehmen stolz: „Wir sind zurück auf Wachstumskurs.“ Das Ventilatorengeschäft hat um zwölf Prozent zugelegt, die Gruppe insgesamt um sechs. Die dynamischste Region: Amerika.

Vor allem zwei Entscheidungen trugen zu dem Ergebnis bei: die Digitalisierung der Services über die KI-basierte Plattform Nexaira. Und: die Entwicklung von Ventilatoren- und Pumpenlösungen für Rechenzentren. Womit wir bei den USA wären. Rund 5500 Data Centers stehen in den Vereinigten Staaten, zehnmal mehr als in Deutschland. Und der Boom scheint kein Ende zu nehmen. Glaubt man den Statistiken, so wächst der US-Markt für Rechenzentren bis 2031 um mehr als sechs Prozent von heute 122 Milliarden auf 168 Milliarden US-Dollar. So haben es die Marktforscher von Mordor Intelligence errechnet.

Warum hat EBM-Papst nicht Madison Air gekauft?

EBM-Papst verdient an dem Boom exzellent. Und jetzt kommt Madison Air um die Ecke und blättert fast fünf Milliarden Euro hin, um die Mulfinger zu kaufen. Mehr als das Doppelte des Umsatzes. Zum Vergleich: EBM-Papst macht rund 2,2 Milliarden Umsatz und beschäftigt 13.000 Menschen, Madison Air setzt mit 9000 Menschen 3,5 Milliarden Euro um. Da kauft also nicht ein Großer einen Kleinen oder gar Schwachen. „EBM-Papst steht heute so stark da wie nie zuvor“, sagt auch Geschäftsführer Klaus Geißdörfer.

Warum also, bitteschön, übernimmt dann Madison Air EBM-Papst und nicht etwa umgekehrt? Jörn E.: „Genau das ist die Frage, die wir uns seit Montag stellen.“ In der offiziellen Darstellung des Unternehmens klingt das so: „Wir sind dank unserer strategischen Ausrichtung auf Wachstumskurs, unser innovatives Kerngeschäft Air Technology wächst stark, und das Datacenter-Geschäft entwickelt sich außerordentlich dynamisch.“ O-Ton Geißdörfer. Das große Potenzial für die Weiterentwicklung der Gruppe sei aber nicht ausgeschöpft, und mit Madison sei ein Partner gefunden, der genau verstehe, „was EBM-Papst ausmacht und was wir brauchen, um unsere Marktführerschaft weiter auszubauen. Wir werden auch von einem besseren Zugang zum US-Markt profitieren.“

Madison: Früher eine Private-Equity-Firma

Wer ist Madison Air? Madison und EBM-Papst sind langjährige Geschäftspartner. Wie EBM-Papst sind die Amerikaner mit Sitz in Chicago stark in Luft- und Kühltechnologie und setzen auf KI und Rechenzentren. Laut der Plattform Stocktitan.net erwartet das Unternehmen durch den Kauf 160 Millionen Dollar jährliche Kostensynergien innerhalb von drei Jahren. Kredite hierfür kommen laut „Handelsblatt“ von Unicredit und Wells Fargo.

Was man aber auch wissen muss: Madisons Wurzeln liegen im Private-Equity-Bereich. 1994 von Larry Gies gegründet, wuchs die Firma durch eine ganze Reihe von Übernahmen und Zusammenschlüssen. Später baute Gies die Investmentfirma in eine Beteiligungsholding um, aus der die Sparte Madison Air hervorging. „Gies“, schreibt eine Alumna an der Universität von Iowa, „bezeichnet Madison als sicheren Hafen für Unternehmer, der ihnen Kapital, Ideen und emotionale Unterstützung bietet, damit sie weiterhin das tun können, was sie am besten können – ihrer Leidenschaft nachgehen und ihr Unternehmen aufbauen.“

Ein Bürgermeister im Urlaubsstress

Noch müssen die Behörden der Übernahme zustimmen. Platzt das Ganze, fallen die drei Gesellschafter weich. 250 Millionen Euro Entschädigung wären ihnen dann sicher. Break Free, nennt man das. Mulfingens Bürgermeister Sören Döffinger glaubt nicht an ein Scheitern. Warum auch? Immerhin spült der Verkauf 400 Millionen Euro an Gewerbesteuer in die Gemeindekasse. Abzüglich des kommunalen Finanzausgleichs bleiben am Ende immer noch rund 70 Millionen im Stadtsäckel. Und damit kann man eine Menge tun: Straßen sanieren, Schulen, die Sporthalle, die Feuerwehrmagazine. Und und und. Einen Großteil des Geldes will Döffinger aber gar nicht ausgeben, sondern anlegen. „Das“, so der 27-Jährige, „sind wir künftigen Generationen schuldig.“

Seit Januar 2024 ist Döffinger Bürgermeister von Mulfingen und mit seinen 27 Jahren einer der jüngsten Deutschlands. Bis Sonntag waren Presseanfragen eher eine Ausnahme für ihn. Seit Montag ist sein Handy immer in Reichweite. Und das mitten im Urlaub, wo er sich eigentlich in Ruhe um seine Familie und seinen vier Monate alten Sohn kümmern will. Im Ort, erzählt er, werde über nichts anderes mehr gesprochen als über den Deal. Wie er den bewertet? „Wir lesen immer, welche Firma irgendwo ins Ausland verkauft wird. Und jetzt passiert das nun einmal direkt vor unserer Haustür.“ Döffinger versucht, trotz allen Trubels den Urlaub weiter zu genießen. Aber wenn er ins Rathaus zurückkehrt, wird Mulfingen nicht mehr die Gemeinde sein, die sie vorher war.

Gerhard Sturm: Mit einem Darlehen von 100.000 D-Mark gründete er 1962 EBM.

Gerhard Sturm: Mit einem Darlehen von 100.000 D-Mark gründete er 1962 EBM.

(Foto: EBM-Papst)

Geschäftsführer Klaus Geißdörfer will das Unternehmen weiterentwickeln und zukunftsorientiert aufstellen.

Geschäftsführer Klaus Geißdörfer will das Unternehmen weiterentwickeln und zukunftsorientiert aufstellen.

(Foto: Christoph Schmidt)

Larry Gies gründete den Madison-Vorläufer als Private-Equity-Unternehmen

Larry Gies gründete den Madison-Vorläufer als Private-Equity-Unternehmen

(Foto: TIMOTHY A. CLARY/AFP)

Bürgermeister Sören Döffinger (re.) mit EBM-Papst-Geschäftsführer Klaus Geißendörfer unterwegs durch Mulfingen.

Bürgermeister Sören Döffinger (re.) mit EBM-Papst-Geschäftsführer Klaus Geißendörfer unterwegs durch Mulfingen.

(Foto: privat)