Der Schultheiß und das Lotterbett

Wiernsheim

Von Carolin Becker

Mit den Menschen verändert sich die Sprache, und so erscheint es fraglich, ob sich der Chef einer kommunalen Verwaltung in 30 Jahren noch in seiner Ehre gekränkt sähe, würde er im selben Atemzug mit dem Begriff Lotterbett genannt. Heute würden viele zumindest noch indigniert eine Augenbraue heben. Oder gäbe der Bürgermeister, der im Lotterbett welchen Bedürfnissen auch immer frönt, auch heute noch einen veritablen Skandal her?

Solche Überlegungen löst bei der Autorin dieser Zeilen das Blättern in abfotografierten und ausgedruckten alten Akten aus. Sie sucht nach Belegen für die Existenz bestimmter Gegenstände in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, und nichts würde sich dafür besser eignen als die mit detailversessener Akribie angelegten Inventuren und Teilungen, die in früheren Jahrhunderten bei Hochzeiten und Todesfällen das komplette Hab und Gut vom Haus bis zum Taschentuch auflisteten.

Wie viele Tage würde ein ähnliches Unterfangen heute in Anspruch nehmen? Beim Durchschnittsbewohner in beispielsweise Dürrmenz, Wiernsheim oder Iptingen hielt sich die Arbeit der Schätzer und Schreiber zumeist in Grenzen. In der Kategorie „Bücher“ etwa werden selten mehr als ein Gesangbuch, eine Bibel, vielleicht noch ein Gebetbuch festgehalten. Die Rubrik „Bargeld“ weist häufig nichts als eine Null auf, und in Sachen Kleidung musste sich das Gros der Menschen mit einer Garderobe begnügen, die sich auf ein bis zwei Seiten zusammenfassen ließ. Das „Schreinwerk“, also das Mobiliar, beschränkte sich ebenfalls auf das Notwendigste. War die „Bettlad“ gehimmelt, konnten sich die Besitzer schon glücklich schätzen. Ein tännerner Tisch, wenige Stühle, ein Kleiderkasten, ein paar Truhen, beschlagen oder auch nicht – angesichts dieses bescheidenen Umfangs, der aus vielen Akten spricht, überrascht der Besitz zweier Männer in Iptingen.

Der Stammbaum der Großmutter väterlicherseits enthält Johannes und Johann Friedrich Krämer, an denen im 18. Jahrhundert im Ort kein Weg vorbeigeführt haben dürfte. Zunächst der 1689 in Malmsheim geborene Johannes, dann sein Sohn Johann Friedrich wirkten als Schulmeister und Schultheiß. Johann Friedrich gab erstere Aufgabe schließlich an seinen Schwiegersohn Johann Michael Mammel weiter. Das Lehrer- und Verwalter-Gen lag ganz offensichtlich in der Familie, finden sich unter den Krämer’schen Vorfahren doch weitere Rathauschefs und Schulmeister.

Nun muss, wie die neuere Geschichte gezeigt hat, nicht jeder, der ein Amt innehat, auch mit entsprechenden Fähigkeiten gesegnet sein. Im Rückblick verbietet sich eine Beurteilung, doch können die Inventuren von Vater und Sohn Krämer in Iptingen einen Eindruck von ihrem Bildungsstand vermitteln. Als der Jüngere von beiden 1799 75-jährig aus diesem Leben schied, wurden drei Seiten des wertvollen Papiers in der Teilungsakte allein mit Büchern vollgeschrieben, die der Verstorbene besessen hatte. Neben dem üblichen Repertoire tauchen zahlreiche Erbauungsbücher wie „Müllers Erquickstunde“ auf, darüber hinaus gibt es wie schon beim Vater aber auch berufsspezifische Literatur. Was wohl im Band „Gestalt eines erbaulichen Lehrers“ empfohlen wurde? Eine Grundlage zur Wissensvermittlung dürfte „Schulmeister Weißmanns Lexicon“ dargestellt haben, und der „Teutsche Rechenmeister“ war gewiss ebenfalls hilfreich.

Aus der Zeit, als Johann Friedrich Krämer noch selbst unterrichtete, ist ebenfalls eine Auflistung von Besitztümern erhalten geblieben, die nach dem Tod der ersten Ehefrau Anna Maria geborene Häcker angefertigt werden musste. Darin fallen ein „Griechisches Testament“, ein Vocabularium, ein Rechenbüchlein, eine „Württembergische Chronik“ und ein „Evangelienbuch halb Teutsch und Lateinisch“ auf. Um alles ordentlich unterzubringen, benötigte Krämer, der unter anderem auch ein „Clavier“, einen Tabakbecher, zwei Vogelkäfige, eine Marderfalle, eine Schiefertafel, einen Honighafen, ein „Sackmesser“ und einen Geldgurt sein Eigen nannte, gar einen Bücherkasten.

Stichwort Geldgurt: Auch dieses Utensil war vonnöten, verfügte Krämer doch über Münzen in verschiedenen Währungen. Als Luxus pur dürften ihm manche Zeitgenossen seinen Sessel mit Lederbeschlägen und seinen Nachtstuhl geneidet haben.

Apropos Zeitgenosse: Dafür, dass es Johann Friedrich Krämer und auch seinem Schulmeister-Nachfolger und Schwiegersohn Johann Michael Mammel nicht zu wohl wurde, sorgte ein gewisser Johann Georg Rapp. Der Separatist brachte die Ordnung ins Wanken, indem er mit seinen Anhängern der Kirche fernblieb und auch den Schulbesuch der Kinder verweigerte. Krämer und Mammel als – neben dem Ortspfarrer – Hauptgegenspieler sahen sich gezwungen, unzählige Protokolle zu führen, Briefe ans Oberamt nach Maulbronn, ans Dekanat nach Dürrmenz, ja zum Herzog zu schicken. Eine Karte zog der Unruhestifter Rapp nicht: Er bezichtigte Johann Friedrich Krämer keines Lotterlebens, obgleich dieser doch – gleich mehrere Inventuren weisen den Gegenstand auf – nicht auf sein Lotterbett verzichten wollte. Der Schultheiß, ein Unhold mit erotischen Abenteuern?

Diese Schlussfolgerung ist ein Kind des 20. und 21. Jahrhunderts. Heute ist das Lotterbett, falls es sich überhaupt noch im Wortschatz behauptet, negativ belegt. Damals aber bedeutete es nicht mehr und nicht weniger als eine etwas lockerer zusammengefügte Liegemöglichkeit, eine Art Couch, auf der man auch tagsüber kurz ausruhen konnte. Was tat also der Schultheiß auf dem Lotterbett? Er tankte Kraft für neue Herausforderungen.

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