Aufs richtige Pferd gesetzt

Wiernsheim

Ulrich Dietz, aufgewachsen in Wiernsheim, ist ein Top-Manager mit Liebe zur Innovation und zur Kultur. Wie er die Herausforderungen der Corona-Krise beurteilt, erläutert er im Interview mit unserer Zeitung.

Ulrich Dietz hat als Unternehmer früh die Chancen der Digitalisierung erkannt. Foto: 1886Ventures

Ulrich Dietz hat als Unternehmer früh die Chancen der Digitalisierung erkannt. Foto: 1886Ventures

(Foto: TOM MAURER PHOTOGRAPHY)

Von Carolin Becker

Sie stammen aus Wiernsheim, kennen die Region. Wie häufig geht Ihr Blick in die alte Heimat?

Ich bin recht häufig dort, weil meine Mutter in Wiernsheim lebt. Alle zwei, drei Wochen fahre ich hin, voraussichtlich auch an diesem Wochenende. Die Obstbäume müssen dringend geschnitten werden.

Wie viele Kontakte haben Sie noch zu Schulkameraden? Begegnen diese Ihnen mit einer Portion Distanz?

Ich habe in Wiernsheim die Grundschule und in Pforzheim die Realschule besucht. Kontakte gibt es vor allem zu den Mitschülern aus der Grundschule. Wir pflegen einen normalen Umgang. Jeder hat sich in seine Richtung entwickelt, und da wird kein großer Unterschied gemacht.

Nicht bei jedem später durchstartenden Menschen zeichnet sich der Erfolg schon in der Schule ab. Welche Qualitäten haben sich bei Ihnen schon früh gezeigt, und was hätten Ihnen Ihre Lehrer prophezeit?

Zu den meisten meiner Lehrer hatte ich kein besonders gutes Verhältnis, ich war auch kein besonders guter Schüler. Ich hatte andere Dinge im Kopf. Mir war früh klar, dass ich Unternehmer werden wollte wie mein Vater und mein Großvater. Das fand ich sehr spannend, ein Abenteuer. Gleichzeitig aber auch Ingenieur, weil mir Technik schon immer großen Spaß gemacht hat. So habe ich zunächst in Pforzheim eine Lehre gemacht.

Viele bringen Intelligenz, Fleiß, gute Ideen mit und verharren doch im Mittelmaß. Was macht den Unterschied aus?

Lassen wir die Kirche im Dorf. Mittelmaß ist relativ. Jeder muss das tun, was ihm Spaß macht, muss das Feld finden, in dem er sich verwirklichen kann, gleich ob als Lehrer, als Journalist oder als Chef einer Firma. Wenn man sich für Letzteres entscheidet, sollte man zum einen Geduld haben und zum anderen mit Menschen umgehen können. Das ist ganz entscheidend. Freilich gilt auch: Nicht alle Entwicklungsfaktoren kann man beeinflussen, man kann Glück oder Pech haben.

Was würden Sie als Ihren wichtigsten Karriereschritt bezeichnen?

So genau kann ich das gar nicht beantworten. Ich hatte gute Voraussetzungen durch mein Maschinenbau- und Product Engineering-Studium in Reutlingen und Furtwangen. Mit einem damaligen Professor konnte ich in St. Georgen ein Unternehmen gründen und kam so mit vielen Menschen zusammen, die mit zukunftsorientierten Technologien gearbeitet haben.

Ohne Informationstechnologie geht heute gar nichts mehr. Sie haben früh auf diese Karte gesetzt. Sehen Sie sich bestätigt?

Die Informationstechnologie macht enorme Fortschritte möglich. Wir sind seit nun gut 30 Jahren auf dem Sektor tätig, und die Dinge haben sich sehr gut entwickelt. Insofern kann man sagen, dass wir aufs richtige Pferd gesetzt haben.

Wie würden Sie sich als Chef beschreiben?

Da müssten Sie eigentlich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen. Einerseits bin ich sicher ungeduldig, andererseits auch fehlertolerant.

Was darf sich ein Mitarbeiter auf gar keinen Fall leisten?

Illoyalität.

Und was erwarten Sie von sich als Chef?

Loyalität zu meinen Mitarbeitern und Toleranz.

Die Digitalisierung wird politisch gefordert, macht aber auch vielen Menschen Angst. Wohin wird die Reise im nächsten Jahrzehnt gehen?

Eine Prognose für die nächsten zehn Jahre ist schwierig, weil wir uns in einem sehr dynamischen Prozess befinden. Mit Sicherheit werden wir viele Computersysteme nutzen, von denen wir gar nicht unmittelbar bemerken, dass sie uns umgeben. Da fällt mir als Beispiel ein intelligentes Klingelsystem ein, das von überall her ermöglicht festzustellen, wer gerade an der Eingangstür steht. Auch das Einkaufen wird sich weiter verändern. Da sagen wir dem Sprachsystem, dass wir Milch brauchen, und die wird dann an die Haustür geliefert. Freilich hat die Digitalisierung auch Grenzen. Der Baum muss weiterhin von Hand geschnitten werden. Aber wir werden im Vorfeld genauer wissen, wann es soweit ist und wie das Wetter am betreffenden Tag sein wird. Neue Technologie wird unsere Welt bereichern, wir müssen aber auch lernen zu entscheiden, was wirklich wichtig ist. Und hier ist es ganz entscheidend, dass bei der Ausbildung der Kinder der richtige Umgang mit modernen Medien vermittelt wird.

In Zeiten des Homeschooling sitzen Kinder und Jugendliche ständig vor dem Computer, dem Laptop oder am Tablet. Ein Fortschritt?

Je nachdem, wie die häuslichen Verhältnisse sind, ist die Situation für Kinder und ihre Eltern sicher eine große Belastung. Aber in gewisser Weise ist es auch gut, dass wir diese Krise durchleben müssen. Denn sie hat uns vor Augen geführt, wie sträflich die Digitalisierung der Schulen in den vergangenen 20 Jahren vernachlässigt worden ist. Das wird sich nun hoffentlich deutlich ändern. Wenn Deutschland bei technologischen Produkten weiter in der Weltliga mitspielen möchte, darf man an der Ausbildung der Kinder nicht sparen.

Findet in Deutschland genügend Forschung statt, um die Innovation voranzutreiben?

Das ist nicht die Frage. Natürlich gibt es bei uns hervorragende Forscher. Entscheidend aber ist die Transformation der Forschungsergebnisse in Geschäftsmodelle. Es gibt viele Lösungen für Probleme, aber es fehlt an der Realisierung, an Kapital. Wir müssen dafür sorgen, dass die Voraussetzungen stimmen und dass junge Leute Lust darauf haben, Informatik zu studieren, dass sie die Chance bekommen, ein Unternehmen zu gründen.

Auf dem Feld der Biotechnologie sehen wir gerade, welch hervorragende Forscher und welch außergewöhnliche Firmen es in Deutschland gibt. Plötzlich waren wir ganz weit vorn in der Impfstoffentwicklung. Schlimm genug, dass wir jetzt die Verteilung des Impfstoffs verbaseln, weil wir es zu kompliziert anstellen. Das ist typisch deutsch.

Wie fördern Sie Innovation?

Wir haben schon vor Jahren CODE_n als Innovationsinitiative gegründet und unterstützen insbesondere Start-ups. Neu ist, dass wir dem Daimler-Konzern eine Zukunftsabteilung abgekauft haben. Aus dieser Abteilung haben wir ein eigenständiges Unternehmen mit vielen Mitarbeitern, Patenten, Software etc. gemacht. Daimler und mein Unternehmen GFT sind weiterhin beteiligt. Gemeinsam wollen wir Zukunftsthemen vorantreiben.

Welche sind das konkret?

Ein Schwerpunkt ist grüne Energie, weil wir der festen Überzeugung sind, dass die Verbindung von Technologie und grünen Ideen in den kommenden zehn Jahren ganz entscheidend sein wird. Dann geht es unter anderem um Mitfahrplattformen, um Wasserstofftechnik, um automatisiertes Fahren. Hier sehen wir überall großes Wachstumspotenzial. Es macht Spaß, voranzugehen, und wir möchten zeigen, an welch großartigen Themen wir hier in Baden-Württemberg arbeiten.

Wer Kraft in Neues investiert und Verantwortung trägt, braucht einen Ausgleich. Welche Rolle spielt für Sie das Staatstheater Stuttgart?

Kultur allgemein ist ein wichtiger Ausgleich. Da gibt es viele Facetten vom guten Buch, das ich lese, bis zum Theaterbesuch. Klar ist, Ideen fallen nicht vom Himmel. Es braucht den Austausch, es braucht Anregungen. Gehe ich ins Theater, erlebe ich den Austausch mit interessanten Menschen und kann zudem Impulse aus dem Stück bekommen.

Was vermissen Sie im Lockdown am meisten?

Natürlich ist die Schließung der Theater bedauerlich, aber es wurden in dieser Zeit auch interessante neue Formate kreiert. Beispielsweise gab es in Stuttgart die Möglichkeit, die Katakomben zu erkunden und dabei zu erfahren, wie Theater gemacht wird. Dies ist nur ein Beispiel für kreative Ideen. Generell kann die Krise auch dazu führen, dass man Theater ganz neu denkt. Muss Theater sein, wie es ist? Kann Theater auch ganz anders sein? Bei all den riesigen Belastungen, die sich durch Corona ergeben haben, steckt in der Krise doch auch die Chance, Neues zu entwickeln.

An welchen Stellschrauben kann der Freundeskreis des Schauspiels Stuttgart, dessen Vorsitzender Sie sind, drehen, um diese schwierige Phase zu überbrücken?

Wir halten den Kontakt zu Schauspielern, zur Intendanz, aber unser Beitrag ist gegenwärtig überschaubar. Entscheidend wird es jetzt, wenn es daran geht, die Renovierung des Staatstheaters zu realisieren. Da müssen wir die Bürgerschaft mit ins Boot holen, den Menschen zeigen, warum diese Maßnahme notwendig ist.

Besteht die Gefahr, dass sich in den langen Monaten des Lockdowns eine dauerhafte Kultur-Entwöhnung einstellt?

Das denke ich nicht. Die Leute freuen sich darauf, wieder Veranstaltungen besuchen zu können. Man könnte den gegenwärtigen Zustand vergleichen mit dem zeitweisen Verlust des Geschmackssinns, den ein Corona-Infizierter erleidet. Das Leben geht weiter, und dennoch fehlt etwas Essenzielles. Das gilt übrigens auch für andere Bereiche, nicht nur in der Kultur, sondern auch im Amateursport.

Oper, Schauspiel, Ballett: Das gilt vielfach als elitär. Die Corona-Krise, die zusätzliche Lücken in die Geldbeutel reißt, dürfte nicht dazu beitragen, dass sich mehr Menschen einen Besuch leisten können. Welche Chancen sehen Sie?

Ich halte diese Bereiche nicht für elitär. In Stuttgart kann gerade ein junger Mensch für wenig Geld ins Theater gehen. Es ist nur die Frage, wie man Kultur an den Menschen heranträgt. Da machen wir uns im Freundeskreis viele Gedanken, und ich bin im Austausch mit dem Intendanten. Fakt ist, dass viele Leute zunächst kein Interesse haben, das Theater aber durchaus spannend finden könnten, wenn sie in Kontakt dazu kämen. Diese Brücken zu schlagen, ist eine ganz wichtige Aufgabe. Geht doch mal ins Theater, ins Konzert, in den Jazz Club, das kann das Leben bereichern: So kann die Botschaft lauten. Und so viel Geld kostet das nicht. Nur als Beispiel: Für eine Eintrittskarte beim VfB Stuttgart zahlt man unter Umständen deutlich mehr.

Sie sind selbst ab und zu im Stadion?

Ja, als Gelegenheitsbesucher. Mein Vater war ein großer VfB-Fan.

Was hat bei Ihnen selbst den Ausschlag gegeben, sich für das Theater zu begeistern?

Wenn man in Stuttgart wohnt, eröffnet sich ein reichhaltiges Angebot. Da gingen wir immer wieder ins Theater, und auch über die Firma haben sich Kontakte ergeben, etwa bei Rhetorik-Kursen für die Mitarbeiter, für die wir Schauspieler gewonnen haben. Unter dem neuen Intendanten fürs Schauspiel Burkhard Kosminski haben sich die Beziehungen noch einmal deutlich intensiviert, denn es werden äußerst spannende Stücke auf die Bühne gebracht.

Opern und Dramen auf der Bühne enden häufig tragisch. Wie wird die Corona-Krise ausgehen und was können wir daraus lernen?

Wir werden aus der Krise mit neuem Mut und mit Zuversicht hervorgehen. Der Blick wird sich nach vorn richten, wir werden uns freuen über wieder möglich gewordene Begegnungen. Wir werden dann erst in vollem Umfang verstehen, was wir vermisst haben. Und vielleicht spüren wir auch ein wenig Dankbarkeit, dass wir die Krise überstanden haben.

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