Närrische Zeiten

Thema der Woche

Der verlängerte Lockdown trübtnicht nur die fünfte Jahreszeit

Närrische Zeiten

Von Thomas Eier

Zum Valentinstag 2021 bibbern und zittern wir nicht nur wegen zweistelliger Minusgrade, sondern auch wegen der nach wie vor schwer einzuschätzenden Corona-Lage. Obwohl der Enzkreis bei den Inzidenzwerten wieder unter der
ehemals magischen Grenze von 50 liegt, ist eine Rückkehr zur Normalität in weiter Ferne. Kitas und Schulen sollen nach den Ferien vorsichtig einsteigen, und ab März verspricht die Wiedereröffnung von Friseursalons ein gepflegteres Äußeres – viel mehr ist bis dato nicht in Aussicht, während die
Situation für viele Einzelhändler und Gastronomen immer dramatischer wird.

Es sind närrische Zeiten, und das merken wir unter anderem daran, dass die fünfte Jahreszeit, die im Raum Mühlacker ohnehin nur punktuelle Vergnügungen mit sich bringt, komplett ins Wasser fällt. An diesem Samstagabend hätte normalerweise die Ü30-Party des Musikvereins Enzberg angestanden, und die Vorstellung, dass Hunderte Besucher auf engstem Raum in einer Halle feiern, tanzen und schunkeln, erscheint uns nach etlichen Monaten mit Mundschutz und Abstandsregel merkwürdig fremd. Maskiert sind wir, aber anders als sonst.

Der Mummenschanz dauert an, und während munter über die Frage diskutiert wird, warum die Haarpflege (psychologisch) wichtiger ist als andere Angebote und Dienstleistungen, richtet sich der Fokus auf die betrieblichen und beruflichen Existenzen, die akut bedroht sind. Dabei hat der Lockdown noch unzählige andere Facetten, die über das reine Geldverdienen hinausgehen, wenn wir nur an das Los der Vereine denken. Chorgesang und Orchestermusik, (Amateur-)Sport und Freizeitaktivitäten spielen, wie es scheint, in der politischen Debatte nur eine untergeordnete Rolle. Dabei fehlen sie vielen Aktiven mindestens genauso wie ein akkurater Haarschnitt, mit dem der Autor zugegebenermaßen nicht das ganz große Problem hat.

Gerade weil so viele Bereiche des Alltags betroffen sind, hält die Debatte an, und sie wird sich verstärken, wenn trotz der gefürchteten Mutationen die Inzidenzwerte weiterhin sinken. Warum sollten junge und ältere Hobbykicker dann nicht – analog zu den privilegierten Profis – wieder unter freiem Himmel mit ihrer Mannschaft Fußball spielen?

„Langfristige Strategien“ sind leicht einzufordern, aber schwer einzuhalten. Wichtiger ist, dass die jeweils gültigen Einschränkungen als sinnvoll und gerecht empfunden werden, um über die Faschingszeit hinaus allen närrischen Thesen von globalen Verschwörungen den Wind aus den Segeln zu nehmen.