Hunger

Thema der Woche

Dunkle Zeiten hat die Welt vor 200 Jahren erlebt – und daraus gelernt.

Hunger

Von Carolin Becker

Kennen Sie den Vulkan Tambora? Die Menschen, die vor gut 200 Jahren in unserer Region lebten, kannten ihn nicht. Sie wussten nichts von der Katastrophe, die sich auf der Insel östlich von Java ereignet hatte, wussten nichts von der enormen Eruption, den Zehntausenden Toten vor Ort, der Aschewolke, die von Indonesien aus nach Westen ziehen sollte. Sie konnten sich schlicht nicht erklären, warum im Jahr darauf, 1816, der Sommer ausfiel und eine verheerende Missernte Hunger und unbeschreibliches Elend über Europa brachte.

Sehr viele Katastrophen, unter denen die Menschheit zu leiden hat, sind selbstverschuldet. Für Kriege und Umweltzerstörung ist niemand außer der sogenannten Krone der Schöpfung verantwortlich zu machen. Ein Vulkanausbruch aber ist schlicht höhere Gewalt. Grausam und unvorhersehbar.

Wer nicht kruden Verschwörungstheorien anhängt, kann in der Corona-Krise gut 200 Jahre nach der Tambora-Katastrophe ein ähnliches Szenario erkennen. Unvorbereitet ist die Welt in eine Situation versetzt worden, die einem langen Tunnel gleicht – dunkel wie die Sonne hinter der Aschewolke.

Ähnlich wie damals hat auch heute niemand ein Patentrezept auf Lager. Zwar ist das Licht am Ende des Tunnels zu erhoffen, zu erahnen, aber wie lange das Dunkel andauern wird, kann niemand vorhersagen. Aus Verzweiflung über horrend steigende Preise wanderten ab 1816 zahllose Europäer in die USA aus; andere machten ihrem Unmut in Aufständen Luft. Heute ist die Auswanderungswelle innerer Natur und führt in vernunftferne Gedankenkonstrukte. Die Aufstände, mal klein, mal groß, mal nachvollziehbar, mal abstrus, sind als Kundgebungen auf den Straßen auch der Region zu verfolgen.

Damals wie heute gibt es aber auch jene, die nach Wegen aus der Krise suchen. Da mag Stückwerk dabei sein, vieles, was nicht perfekt ist und nicht perfekt sein kann. Denn der Masterplan liegt in keiner Schublade. Eines aber ist klar: Das Ziel, die Krise zu überwinden, ist fern, wenn jede Einschränkung des eigenen Selbst als diktatorische Zwangsmaßnahme begriffen wird.

Der Vulkanausbruch von 1815 führte unter anderem zur Stiftung des „landwirtschaftlichen Fests zu Cannstatt“, bei dem verbesserte Methoden der Bodenbearbeitung vorgestellt wurden. Aus dem Hunger nach Nahrung ging der Hunger nach Wissen hervor. Wer weiß, ob auch den Individualisten des 21. Jahrhunderts ein Licht aufgeht?