Entgleist

Thema der Woche

Über die richtige Wortwahlin aufgeregten Zeiten.

Entgleist

Von Thomas Eier

An Empfindlichkeiten mangelt es dieser Tage nicht, und das gilt auch im Umgang mit Sprache. Da wird in einem Leserbrief eines früheren Kommunalpolitikers der verdiente und gänzlich unbelastete Mühlacker Feuerwehrchef an die deutsche (NS-)Geschichte erinnert, weil er im Zusammenhang mit Corona-Tests den Begriff „aussortieren“ verwendet hat. Eine „verbale Entgleisung“ sei das, während Andere ungeniert die Legende der „gleichgeschalteten“ Medien verbreiten oder sich eine Querdenkerin zur „Sophie Scholl von Kassel“ stilisiert, was zumindest alle Gleichgesinnten weniger stört. So hängt das Urteil, an welcher Stelle genau sich jemand sprachlich aufs falsche Gleis manövriert, nicht zuletzt von persönlichen Haltungen ab.

Sensibilität in der Sprache ist richtig und wichtig, wenngleich sie im digitalen Zeitalter – man frage nach bei Ex-Weltmeister Jens Lehmann – gerne zugunsten ebenso spontaner wie unangemessener Kommentare auf der Strecke bleibt. Angesichts der Auswüchse in den sozialen Netzwerken erscheint die Aufregung um „aussortieren“ oder „herausfiltern“ einigermaßen gezwungen, was vor dem Hintergrund der Gender-Debatte auch für immer neue Wortungetüme mit oder ohne Sternchen gilt. Im Bemühen, besonders korrekt zu sein, schießt mancher, wie unlängst bei den „Mitgliederinnen“ des Knittlinger Gemeinderats übers Ziel hinaus. Überhaupt stellt sich, wie in einem weiteren Leserbrief geschehen, schon die Frage, ob Begriffe wie zum Beispiel „Bürger“, „Wähler“ etc. nicht eher für eine Rolle/Funktion als für den männlichen Anteil stehen. Sonst müsste es zur Bürgerschaft auch die „Bürgerinnenschaft“ geben. Oder, weil gerne beide erwähnt sein wollen, die „Bürgerinnenschaft und Bürgerschaft“, was allerdings, liebe Leserinnen und Leser, in keine Überschrift mehr passt.

„Wer so spricht, dass er verstanden wird, spricht immer gut“, meinte Molière, und was die Frage der Inhalte betrifft, zitieren wir Konfuzius: „Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.“ Von daher ist die angemessene Wortwahl, die niemanden vergisst oder verunglimpft, ein großer Faktor, aber noch wichtiger ist die Botschaft. Während sich die Feuerwehr Mühlacker und ihr Chef ehrenamtlich und ganz handfest im Kampf gegen die Pandemie engagieren, weigert sich ein harter Kern der Bürgerinnen- und Bürgerschaft weiterhin beharrlich, deren Existenz anzuerkennen. Den Bildern aus Indien zum Trotz, was unter anderem die Ärztinnen und Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger auf hiesigen Intensivstationen manchmal sprachlos macht.