Die Akten zum Sprechen bringen

Sternenfels

Die Kulturquelle Sternenfels hat dank der umfangreichen Arbeit einer Diefenbacher Bürgerin ein Buch unter dem Titel „Sternenfelser Inventuren 1610 bis 1900“ herausgebracht. Das Nachschlagewerk ebnet den sonst steinigen Weg zu historischen Dokumenten.

Käthe Hohenberger (li.) hat die Inventurakten des Sternenfelser Gemeindearchivs in jahrelanger Arbeit erfasst und ein fast 1000 Seiten starkes Inhaltsverzeichnis erstellt, anhand dessen Nutzer die für sie relevanten Dokumente finden können. Einige Exemplare übergibt Emanuel Wilhelm, Vorsitzender der herausgebenden Kulturquelle Sternenfels, an Bürgermeisterin Antonia Walch (oben). Fotos: Becker

Käthe Hohenberger (li.) hat die Inventurakten des Sternenfelser Gemeindearchivs in jahrelanger Arbeit erfasst und ein fast 1000 Seiten starkes Inhaltsverzeichnis erstellt, anhand dessen Nutzer die für sie relevanten Dokumente finden können. Einige Exemplare übergibt Emanuel Wilhelm, Vorsitzender der herausgebenden Kulturquelle Sternenfels, an Bürgermeisterin Antonia Walch (oben). Fotos: Becker

Von Carolin Becker

Sternenfels. Die Kulturquelle Sternenfels wird in wenigen Tagen 25 Jahre alt – und sie sprudelt kräftig. Am Dienstag wurde Teil eins einer Buchreihe vorgestellt, die sich über mehrere Jahre erstrecken soll und verspricht, ein Quell der Freude für Geschichtsinteressierte, Heimatforscher und Genealogen zu werden.

„Sternenfelser Inventuren“ heißt das exklusive Werk, das die vom 1996 gegründeten Verein herausgegebene Serie eröffnet. Hergestellt bei der Druckerei Stegmaier in Mühlacker, will der circa 950 Seiten starke und entsprechend schwere Wälzer gar kein Verkaufschlager werden. Die darin stehenden Informationen und mehr noch die dahintersteckende Arbeit wären ohnehin unbezahlbar. Die zehn Exemplare werden vielmehr dort zu finden und auszuleihen sein, wohin sich Interessierte wenden dürften: bei der Verfasserin Käthe Hohenberger, in der Sternenfelser Verwaltung, bei der Kulturquelle und im Kreisarchiv.

Das Buch erschließt die circa 2100 Inventurakten der Ortschaft Sternenfels aus dem historischen Archiv der Gemeinde, in denen in den Jahren 1610 bis 1900 bei Heirat und Tod der bürgerlichen Einwohner das gesamte Vermögen erfasst wurde und gleichzeitig alle beteiligten Menschen angegeben wurden. Ehepartner und deren Eltern, bei Teilungsakten die Nachkommen eines Verstorbenen wurden genannt. Dies ermöglicht die Suche nach Ahnen und Nachfahren, eröffnet ein weites Feld für Forschungen und vermittelt einen authentischen Einblick in die Lebensumstände früherer Jahrhunderte.

Das Inventurenbuch fungiert gleichsam als Schlüssel zum historischen Material. Wer nach einem bestimmten Einwohner früherer Tage sucht, findet Hinweise auf die jeweiligen Akten vor, in denen der Betreffende vorkommt. Auf diese Weise wird auch dem Laien der Zugang möglich.

Ein solches Werk, in Privatinitiative entstanden, sei im Enzkreis einzigartig, ordnete Kreisarchivar Konstantin Huber die Neuerscheinung ein. Das Buch bringe die Quellen zum Sprechen. Und die Inventuren, die es zwar in allen württembergischen Gemeindearchiven im Enzkreis gebe, die aber ohne Vorkenntnisse schwer zu durchdringen seien, hätten so viel zu sagen. Sie seien sowohl für Familienforscher als auch sozialgeschichtlich hochinteressant. „Herzlichen Dank“, wandte er sich an Käthe Hohenberger, „dass Sie diese Sisyphusarbeit auf sich genommen haben. Auch ich brenne für dieses Thema“, sagte er und ließ keinen Zweifel daran, dass das Buch auf Nutzer stoßen werde. „Das ist eine Riesenleistung“, würdigte die Sternenfelser Bürgermeisterin Antonia Walch das ehrenamtliche Engagement Käthe Hohenbergers. Ihr Dank galt ebenfalls der Kulturquelle. Für die Nachwelt bedeute das „großartige Werk“ einen echten Gewinn.

Im Hier und Jetzt stellte Emanuel Wilhelm, der Vorsitzende des Vereins, fest: „Heute ist ein guter, ein ganz besonderer Tag für jeden von uns.“ Endlich trete die 2019 zur Kulturquelle gestoßene Käthe Hohenberger hinter den Aktenbergen hervor ins Licht der Öffentlichkeit. Ihr Engagement trage maßgeblich dazu bei, dass weitere Veröffentlichungen folgen sollen.

Wilhelm dankte allen Beteiligten und richtete dann den Blick zurück auf die Anfänge der Kulturquelle, die sich unter anderem mit Veranstaltungen und Initiativen sowie in der Jugendarbeit hervorgetan habe. Seit 2017 kümmere sich ein Arbeitskreis Bildgedächtnis darum, historisches Fotomaterial einzuscannen und so für künftige Generationen zu sichern. Als dann die in Diefenbach wohnende Käthe Hohenberger mit ihrer schon immensen Datensammlung hinzugekommen sei, habe sich ein Arbeitskreis Sozialgeschichte formiert, und das Vereinsmitglied Helmut Wagner habe die Idee entwickelt, die Daten für eine Buchserie zu nutzen.

So stelle das Inventurenbuch den Impuls für weitere Buchprojekte dar, verwies Emanuel Wilhelm auf eine Veröffentlichung zum Vereinsjubiläum. Darauf folgen soll 2022 eine Übersicht über die Diefenbacher Inventuren, die Käthe Hohenberger ganz aktuell in Arbeit hat. 2023 ist ein Jubiläumsjahr für Diefenbach, dessen urkundliche Ersterwähnung dann ein Jahrtausend zurückliegt. Zu diesem Anlass sollen die Bürger, aber auch alle anderen, die sich für Heimatgeschichte interessieren, ein Buch erwerben können, das anhand von voraussichtlich zwölf markanten Beispielen die Geschichte der Diefenbacher Häuser und ihrer Bewohner in gut lesbarer Form darstellt. Damit müsse noch nicht das Ende erreicht sein, verwies Wilhelm auf die Sternenfelser Familienstrukturen, die Käthe Hohenberger auf der Grundlage ihrer Datenbank aufzeigen könnte.

Doch was bringt eine gelernte Buchhändlerin, die viele Jahre lang als Sachbearbeiterin im Einkauf gearbeitet hat, dazu, in ungezählten Stunden allein für Sternenfels 50 Kartons mit alten, schwer lesbaren Akten zu sondieren und aufzubereiten? Sie sei mehr oder weniger durch Zufall in die Materie hineingerutscht, sagte die Diefenbacherin. Als Arbeit empfinde sie die Beschäftigung nicht, sie werde durch immer wieder neue und überraschende Erkenntnisse reich belohnt. „Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die Menschen damals gelebt haben, und es fasziniert mich zu sehen, wie sich die große Geschichte auch im kleinen Dorf ausgewirkt hat“, sagte sie.

Käthe Hohenbergers Enthusiasmus könne andere anstecken, war sich Helmut Wagner sicher, der vom freiwilligen Engagement – auch Designer Stephan Schniz hat sich ehrenamtlich ins Projekt eingebracht – schwärmte: „Das ist eine Säule unserer Gesellschaft.“

Wer ins Inventurenbuch hineinschauen möchte, wendet sich zunächst an die Gemeindeverwaltung Sternenfels.

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