Magdalena singt

Nur mal so...

Ein Gesangbuch von 1844 aus dem heutigen Enzkreis ist im Staat Tennessee gelandet.

Ein Gesangbuch von 1844 aus dem heutigen Enzkreis ist im Staat Tennessee gelandet.

Magdalena singt

Der Mississippi und die Enz dürften selten im selben Satz genannt werden. Nun aber ist es so weit. Der Ausgangspunkt des Brückenschlags wiederum ist im ebenso fernen Kentucky zu suchen. Dort nutzte ein Verwandter der Autorin, frustriert vom Schneefall, der die Gartenarbeit verhinderte, die Zeit äußerst sinnvoll. Er durchwühlte den Dachboden nach alten Unterlagen und förderte Postkarten mit deutschem Aufdruck aus der Zeit um 1914 ans Licht. Die deutsche Cousine wiederum teilte ihre Freude über die umgehend zugesandten Beweisfotos mit der Witwe eines anderen entfernten Verwandten, die im Staat Tennessee unmittelbar am großen Strom Mississippi lebt und eine begeisterte Sammlerin von alten Ansichtskarten ist. Jene wiederum ließ sich von der zwischen Kentucky und Ötisheim hin und her gewanderten elektronischen Sendung zu einer eigenen Suche inspirieren.

Vielleicht, kam ihr in den Sinn, könnte die Verwandte jenseits des großen Teichs ja den Inhalt alter Briefe entziffern, die ihre Familie einst aus Deutschland erreichten. Und schon landeten im E-Mail-Postfach Schriftstücke mit dem Datum 1908.

Der Schreiber war der Lehrer Andreas Sickinger aus Karlsruhe, Vater übrigens des Schulreformers Joseph Anton Sickinger, der seiner in Missouri lebenden „vielgeliebten Nichte Maria Elisabetha“ mit pädagogischem Impetus die badische Heimat nahebringen wollte. Diese Heimat hatte sein Bruder im Zug der 1848er Revolution verlassen, um dann in den USA jene Familie zu gründen, aus der auch die E-Mail-Schreiberin in Tennessee hervorgegangen ist. Rasch sind die in wohlverformten Lettern abgefassten Schriftstücke abgetippt, übersetzt und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschickt, da kommt von dort schon eine weitere elektronische Lieferung. „Was bitte ist das?“, fragt die Lady aus den Südstaaten neugierig. „Ein sehr, sehr langer Brief?“

Die Empfängerin in Ötisheim stutzt. „Gesangbüchlein für Magdalena Sickinger“ ist auf der ersten Seite mit etwas Fantasie zu lesen, sehr deutlich die Jahreszahl 1844 und ein Ort: Hamberg. Hamberg im heutigen Enzkreis?

Ein Blick in den Stammbaum der Nachfahrin bestätigt, dass die Familie Sickinger tatsächlich im heute zu Neuhausen gehörenden Dorf ihre Wurzeln hatte. Die Besitzerin des Gesangbuchs wurde dort 1829 geboren und wanderte 1850 aus – das handgeschriebene Büchlein im Gepäck. Sie war zweimal verheiratet, überlebte beide Ehemänner und starb 1915. Die deutsche Sprache wurde im Lauf der weiteren Generationen ebenso vergessen wie der Zweck des kleinen Gegenstands.

Zu übersetzen gibt es indes nichts. Eingetragen wurde die katholische Messliturgie – und die kann die Hüterin des Schatzes auch im Internet nachlesen. Doch zumindest hat sie am fernen Mississippi nun gelernt, wo der Enzkreis liegt.

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