Vom Glotzen
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Der Mühlacker Künstler Paul Revellio wird nicht müde, seltsam verrenkte Figuren, Gesichter und Gegenstände zu produzieren
Mühlacker. Im aufgeräumten Mühlacker Wohngebiet Stöckach, zwischen polierten Familienautos und weißen Fassaden, geschieht im Untergrund eines Reihenhauses etwas, was man dort nicht unbedingt vermuten würde. In einem Kellergeschoss reihen sich archaisch anmutende Steintafeln aneinander. „Tulpen 2015“, „Badende“ oder „Felsen“ ist auf Klebebändern zu lesen. Seitlich haften sie an den dicken Platten, die wie Bücher in ein Regal einsortiert sind. In der Luft liegt ein Gemisch aus Farben und Lösungsmittel. Dosen türmen sich, Pinsel stehen stramm, kleine und große Walzen träumen unbewegt von ständiger Revolution. Wenn Paul Revellio den Raum betritt, ist es so weit: Unter den kräftigen Händen des schlanken Mannes werden Fotos von Spaghetti mampfenden Menschen und Siegertypen aus dem Werbeprospekt zu Kunst. Aus dem fertigen Bild schauen sie den Betrachter dann irgendwie verdutzt an. Die Köpfe zu groß, die Augen meist weit aufgerissen, mit seltsam verschobenen und verzerrten Körpern sitzen, liegen oder stehen sie da und warten darauf, entdeckt zu werden. Paul Revellio ist fasziniert vom Steindruck. Die etwa hundert Jahre alte Presse in seinem Keller eröffnet dem einstigen Meisterschüler von Georg Baselitz völlig neue Möglichkeiten. Er könne experimenteller mit Farbe arbeiten, sagt der 57-Jährige. „Und die Oberfläche des Steins arbeitet mit.“ Als spielerisch und virtuos bezeichnet er den Umgang mit dem etwa 200 Jahre alten Druckverfahren. Auf eine schwere Steinplatte wird das Motiv mit fetthaltiger Kreide aufgetragen. Um die Zeichnung drucken zu können, braucht es Papier, einen Schwamm mit Wasser, eine Walze mit Druckfarbe und die wuchtige Presse. Soll ein neues Motiv auf die Platte, muss sie abgeschliffen werden.
Der Künstler Paul Revellio vor seinem Markenzeichen „Glotzer“. Ihn gibt es in allen erdenklichen Größen und Farbvarianten – in der Stadt Mühlacker sogar als Kunst am Bau. Fotos: privat,Disselhoff
Paul Revellio, der gleich nach seinem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin ein Stipendium bekam und 1991 den ersten Ernst-Barlach-Preis gewann, ist ein schweigsamer Typ. Der selbstkritische Zweifler nimmt zwar regelmäßig an Ausstellungen teil und engagiert sich in der Künstlergruppe in Mühlacker, sucht jedoch nicht das Rampenlicht. „Ich bin in meinem Kämmerchen, mach’ meine Bilder und bin damit glücklich“, sagt der in Donaueschingen geborene und in Villingen aufgewachsene Künstler, der will, „dass ein Bild fertig und gut ist“. Dafür kämpft er mit der Technik, den Formen und Farben – und immer wieder auch mit sich selbst. „Schaffenskrisen sind mir nicht fremd“, sagt der „Kulturkatholik“, den es in der närrischen Zeit in seine alte Heimat zieht. Dort versteckt der scheue Künstler sein Gesicht hinter einer selbst gefertigten Maske und zieht mit Gleichgesinnten trommelnd durch die Straßen. Diesen geselligen Gegenpol braucht der Mann, der lediglich vom Radio beschallt im Sophie-Scholl-Weg in Mühlacker seiner einsamen Tätigkeit nachgeht. Die Produktion seiner Kunstwerke sei anstrengend. „Das hat nichts Meditatives“, sagt Paul Revellio, der früh zu einer eigenständigen Formensprache gefunden hat. Sein Markenzeichen ist der „Glotzer“, wie er sein auf einfache geometrische Formen reduziertes buntes Hauptmotiv nennt. Es handelt sich um ein Gesicht, das den Betrachter aus großen Kulleraugen ansieht. Unzählige Glotzer hat er inzwischen gemalt, das markante Antlitz ist sogar als Kunst am Bau in der Mühlacker Innenstadt zu sehen. „Die Augen, das ist doch das, was einen zuerst anspricht“, sagt Paul Revellio, der den Begriff „glotzen“ keinesfalls negativ interpretiert wissen will. „Ich denke da an die schwäbische Bedeutung, die eher darauf abzielt, dass jemand überrascht und verwundert schaut.“
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