Mit „langem Atem“ ins Finale

VfB

Der SC Freiburg steht im Endspiel der Europa League. Dass der ehemals kleine SC nun auf der großen Bühne spielt,  ist „kein Zufall“, findet Joachim Löw.

Von Felix Paschke

Freiburg - „Die Vorrunde überstehen und Anfang nächsten Jahres weiter englische Wochen haben, das wäre schon was Besonderes.“ Diesen Satz sagte Julian Schuster im September 2025 vor dem ersten Spiel der Europa-League-Saison gegen den FC Basel. Dass er mit seinem Team knapp acht Monate später in Istanbul im Finale eben dieser Europa League stehen würde, hätte der Trainer des SC Freiburg damals wohl selbst nicht für möglich gehalten.

Denn eigentlich, so gestand er nach dem Finaleinzug, fühle er sich in manchen Situationen noch wie „der kleine Junge vom Land“. Konkret meinte er damit das obligatorische TV-Interview vor dem Spiel mit Lothar Matthäus und Joachim Löw. „Das ist schon toll“, sagte der 41-Jährige, der die Freiburger in seinem erst zweiten Jahr als Cheftrainer ins wohl größte Spiel der Vereinsgeschichte geführt hat. Er ist damit eines der Gesichter des Erfolgs eines Vereins, der im deutschen Fußball schon immer ein wenig anders war.

Von 1991 bis 2007 war Volker Finke Trainer beim Sport-Club, 1993 führte er den Verein erstmals in die Bundesliga. Dass er später zweimal abstieg und jeweils direkt wieder aufstieg, klingt im heutigen Fußballbusiness wie aus einer anderen Zeit.

Und doch beschreibt es noch heute die etwas andere Einstellung des SC im Profifußball. Denn als die Mannschaft 2015 unter Christian Streich abstieg, blieb der Trainer im Amt – und stieg im Folgejahr wieder auf. Seitdem spielen die Breisgauer ununterbrochen in der Bundesliga, qualifizierten sich mehrfach für den Europapokal und standen 2022 im DFB-Pokalfinale in Berlin. Vier Jahre später wartet nun mit dem Endspiel der Europa League in Istanbul der nächste Höhepunkt auf Mannschaft und Fans.

„Ein Stück weit surreal“, findet das Nicolas Höfler, der in der vergangenen Woche sein Karriereende ankündigte. Der Mittelfeldspieler ist seit 2005 beim SC Freiburg, die Partie gegen Aston Villa an diesem Mittwoch wird seine letzte als Profifußballer. Dass der 36-Jährige ausgerechnet im Halbfinal-Rückspiel gegen Braga in der Startelf stand und großen Anteil am Erfolg hatte, ist ein weiteres Symbol für den Freiburger Weg.

„Viele Vereine könnten sich an Freiburg ein echtes Beispiel nehmen“, sagte Joachim Löw vor gut einer Woche. Der Weltmeister-Trainer von 2014 spielte acht Jahre lang für den SC und ist noch heute regelmäßiger Gast im Europa-Park-Stadion. „Man muss den SC Freiburg bewundern“, findet der gebürtige Schönauer. Dass der Verein nun im Europa-League-Finale steht und nach dem ersten Titel der Vereinsgeschichte greift, ist für Löw „kein Zufall“. Denn: „Im Fußball – oder im Sport generell – bringt eines immer Erfolg: Wenn du einen langen Atem hast.“

Diesen haben die Freiburger zweifelsohne, Julian Schuster ist erst der fünfte SC-Trainer seit 1991. Der gebürtige Löchgauer und Ex-VfB-Stuttgart-Spieler ist seit 2008 im Verein. Zunächst als Spieler, später als Verbindungstrainer zwischen den Profis und der Freiburger Fußballschule. Sechs Jahre lang arbeitete er mit Streich zusammen, ehe er 2024 dessen Nachfolger wurde. „Es steckt so viel von ihm in mir“, sagte Schuster nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Celta Vigo über seinen Vorgänger.

Dass der Wechsel auf der Trainerbank so reibungslos funktioniert, liegt auch an Streich selbst. In Schusters erstem Jahr zog sich Streich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück, Schuster und sein Team hatten Ruhe, um sich weiterzuentwickeln.

Mittlerweile ist die Trainerikone wieder sichtbarer, vor den K.o.-Spielen der Europa League äußerte er sich ebenfalls zum SC Freiburg – immer positiv. „Ich bin zwar nicht überrascht, aber freue mich natürlich, dass er so erfolgreich ist“, sagte er etwa über seinen Nachfolger Schuster, der damals die „optimale Lösung“ für den Posten gewesen sei.

An diesem Mittwoch greift Schuster nun mit seiner Mannschaft nach dem größten Erfolg der Freiburger Vereinsgeschichte – und eine ganze Region ist elektrisiert. Es hätten wohl deutlich mehr Tickets verkauft werden können, als das Freiburger Kontingent zugelassen hat, auch die Karten für das Public Viewing waren schnell vergriffen. Manche Fans werden wohl auch ohne Platz im Stadion nach Istanbul reisen. Denn alle wollen dabei sein, wenn Freiburg gegen den englischen Topclub, dessen Marktwert fast dreimal so hoch ist wie der des SC-Kaders, den ersten Titel holt. Es klingt wie ein Fußballwunder. Vielmehr ist es jedoch das Resultat von akribischer Arbeit und dem Vertrauen in den eigenen – Freiburger – Weg.