Wer hat Chancen auf die Goldene Palme?
Kultur
Am 23. Mai wird in Cannes die Goldene Palme verliehen. Auf den letzten Metern hinterlässt „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach aus Deutschland Eindruck.
Szene aus „Das geträumte Abenteuer“
(Foto: Bernhard Keller)
Von Patrick Heidmann
Die 79. Internationalen Filmfestspiele in Cannes neigen sich dem Ende zu, doch wer an diesem Samstag die Goldene Palme mit nach Hause nehmen wird, scheint sich noch schwerer voraussagen zu lassen als sonst. Wenn in den vergangenen Tagen die Filmgäste in den langen Schlangen vor den Kinosälen oder abends beim Wein plauderten, herrschte jedenfalls nur in einer Sache Einigkeit: Es gab schon deutlich stärkere Jahrgänge hier an der Croisette, und die ganz großen Meisterwerke, die alles andere überstrahlen, suchte man vergeblich.
„Vaterland“ unter den Favoriten
Ein paar Favoriten lassen sich natürlich trotzdem ausmachen. Pawel Pawlikowskis „Vaterland“ mit Sandra Hüller und Hanns Zischler liegt weiterhin recht weit vorne in der allgemeinen Kritikergunst, wobei der Schwarz-Weiß-Film über Thomas und Erika Mann seine volle Kraft natürlich erst dann entwickelt, wenn man ein wenig bewandert ist in der Biografie des Nobelpreisträgers und in der deutschen Geschichte.
Noch ein bisschen bessere Chancen könnte „Minotaur“ vom russischen Regisseur Andrei Swjaginzew haben, denn dass er seine von Chabrols „Die untreue Frau“ inspirierte Ehegeschichte vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs spielen lässt, verleiht ihr eine realpolitische Aktualität, wie sie im diesjährigen Wettbewerb selten war. Außerdem feiert zumal die französische Presse „Notre Salut“, in dem sich Emmanuel Marre an der Geschichte seines eigenen Urgroßvaters zu Zeiten des Vichy-Regimes abarbeitet. Nicht zuletzt Hauptdarsteller Swann Arlaud ist dabei in der Tat preiswürdig.
Auf den letzten Metern gingen allerdings auch noch neue Filme an den Start, darunter „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach. Die in Bremen geborene Regisseurin ist zum ersten Mal im Wettbewerb in Cannes vertreten und legt mit ihrem dritten Spielfilm ihre bislang beste Arbeit vor (womit sie in diesem Jahr eher die Ausnahme war). Abermals hat sie in Bulgarien gedreht, genauer gesagt im südlichen Grenzgebiet zu Griechenland und der Türkei, und lässt sich dabei viel Zeit. Grisebach ist eine Meisterin des langsamen, feinen Beobachtens, doch „Das geträumte Abenteuer“ entwickelt im Verlauf seiner fast drei Stunden enorme Intensität. Beinahe wird die Geschichte, die sich zusehends auf die in ihre Provinzheimat zurückgekehrte Archäologin Veska (Jana Radewa) konzentriert, sogar zu einem Mafiathriller, in dem es nicht nur um Schmuggelaktivitäten aller Art, sondern auch um Migration, alteingesessene patriarchale Strukturen und weibliche Solidarität geht. Die der Umgebung angemessene karge Bildsprache und die Arbeit mit Laiendarstellern geben dem Film mitunter einen fast dokumentarischen Anstrich, doch vor allem erweist sich die Regisseurin im Setzen der spannenden, humorvollen und tragischen Momente als geschickte Erzählerin. Mindestens Außenseiterchancen auf die Palme dürften dafür durchaus drin sein.
Am Tag vor der Premiere des deutschen Wettbewerbsbeitrags hatte Festivalleiter Thierry Frémaux sein Programm so arrangiert, dass innerhalb von 24 Stunden gleich drei Filme von queeren Filmemachern ihre Uraufführung erlebten. Auf gemischte Reaktionen stieß dabei Ira Sachs’ berührender „The Man I Love“. Mag sein, dass das daran lag, dass sein Protagonist, der an Aids erkrankte Theaterschauspieler Jimmy George (Rami Malek), so exzentrisch wie egoistisch und alles andere als ein Sympathieträger ist. Doch der Oscar-Gewinner Malek war selten besser als hier, und vor allem vermeidet Sachs alle Klischees, die man bei einer Story über das New York der 1980er Jahre erwarten könnte.
Kriegsfilm der etwas anderen Art
Noch ein wenig weiter in die Vergangenheit zieht es derweil Lukas Dhont, der sich in seinem dritten Spielfilm „Coward“ abermals der Zärtlichkeit widmet und klassische, heteronormative Männlichkeitsbilder aufbricht. Nur dass er das dieses Mal ausgerechnet im Ersten Weltkrieg tut, wo sich die beiden jungen belgischen Soldaten Pierre (Emmanuel Macchia) und Francis (Valentin Campagne) näherkommen, als letzterem die Aufgabe zuteilwird, jenseits der Schützengräben Musikrevuen für die Kameraden zu inszenieren. Ein Kriegsfilm der etwas anderen Art, der dadurch zu Herzen geht, dass die beiden Protagonisten unermüdlich und allen Widrigkeiten zum Trotz um Momente der Intimität ringen.
Penélope Cruz reißt mit
Das Spannungsfeld Krieg und Homosexualität macht auch „La bola negra“ auf, der Zweitling der bis vor kurzem auch privat liierten Spanier Javier Ambrossi und Javier Calvo. Ausgehend vom gleichnamigen, unvollendeten Werk von Federico García Lorca haben die Regisseure drei miteinander zusammenhängende Handlungsstränge verwoben, angesiedelt nicht nur im Bürgerkrieg 1937, sondern auch 1932 und 2017, und jeweils mit queeren Protagonisten, die höchst unterschiedlich mit ihrer Identität und ihrem Begehren umgehen. Große, bisweilen melodramatische Emotionen scheut dieser in der Struktur wie den Bildern ambitionierte Film nicht, ganz zu schweigen davon, dass er Penélope Cruz einen Auftritt als Showgirl gönnt, der zu den mitreißendsten Sequenzen des ganzen Festivals gehören dürfte.