Ausgebremst

Kommentar

Die Schulen sollen öffnen, während sonstige Auflagen verschärft werden.

Ausgebremst

Von Thomas Eier

Wie unter dem Brennglas zeigt sich dieser Tage in Pforzheim und dem Enzkreis das Dilemma, wenn landes- und demnächst sogar bundesweit beschlossene Notbremsen nach regionalen Gegebenheiten – sprich: dem jeweiligen Inzidenzwert vor Ort – umgesetzt werden sollen. Wenn wie im Enzkreis geschehen die Inzidenz ausgerechnet am Tag, bevor viele Schüler wieder ins Klassenzimmer zurückkehren sollen, über die neuralgische Marke von 200 springt, muss das zwangsläufig Verwirrung stiften. Was genau sollen die Verantwortlichen an der Basis – von den zuständigen Stellen im Rathaus bis hin zu den bedauernswerten Schulleitungen – mit dieser Ausgangslage anfangen ? Präsenzunterricht auf Teufel komm‘ raus und auf die Gefahr hin, dass sie zwei Tage später, gemäß der Notbremse, wieder die Rolle rückwärts machen müssen ?

Die Idee einer Wiedereröffnung von Schulen in Baden-Württemberg, wo am Montag die landesweite Inzidenz bei 170,5 lag, mutet seltsam anachronistisch an, während im Kampf gegen die dritte Welle gleichzeitig immer neue private Beschränkungen bis hin zur abendlichen Ausgangssperre greifen. Natürlich ist Bildung wichtig, und natürlich ist Homeschooling höchstens eine Notlösung, aber ist es wirklich die richtige Zeit für neue Begegnungen im Klassenzimmer und im Schulbus, während Kinder und Jugendliche ansonsten jegliche Kontakte zu Freunden vermeiden sollen ? Oder umgekehrt: Warum können sie sich, wenn morgens vor Schulbeginn negativ getestet, nicht genauso nachmittags auf dem Spielplatz oder Bolzplatz treffen ?

Der Ansatz, flächendeckende Vorgaben an lokale Entwicklungen zu koppeln, kann hilfreich sein, wenn die Infektionszahlen in unterschiedlichen Regionen extrem auseinanderdriften. Momentan allerdings ist der Großteil der baden-württembergischen Landkreise mehr oder minder stark von der Notbremse bedroht, die für Schulen und Kitas – je nach Festlegung der Grenzwerte, die derzeit ein wenig wahllos wirkt – eine neuerliche Zwangspause bedeutet. In dieser prekären Lage braucht es kein aufwendig zu organisierendes Intermezzo mit Testpflicht und Wechselunterricht, sondern eine klare landesweite
Linie, die alle Schulen und Schulträger, Eltern und Schüler verstehen.

Die Hoffnung, es könnte per Erlass Kontinuität in den Schulalltag zurückkehren, ist dahin. Das Virus richtet sich nicht nach politischen Stundenplänen.