Keine Nummer, ein Mensch

Knittlingen

Die Knittlinger Stadträtin Heidi Braun behandelt im Krankenhaus Bretten als Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivpflege auch Covid-Patienten und begleitet diese durch eine oft wochenlange Berg- und Talfahrt mit nicht immer positivem Ausgang.

Szene aus dem Arbeitsleben von Heidi Braun, die als Krankenschwester in Bretten arbeitet und auf der Intensivstation Schwerstkranke versorgt. Foto: privat

Szene aus dem Arbeitsleben von Heidi Braun, die als Krankenschwester in Bretten arbeitet und auf der Intensivstation Schwerstkranke versorgt. Foto: privat

Von Carolin Becker

Knittlingen/Bretten. Wenn Heidi Braun am Ende eines Dienstes aufs Rad steigt und in 20, 25 Minuten nach Knittlingen fährt, schont sie nicht nur die Umwelt und trainiert ihren Körper. Sie atmet auch frische Luft und gibt den Gedanken in ihrem Kopf die Chance, andere Richtungen einzuschlagen. Weg vom Elend, das die Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivpflege bei ihren Einsätzen auf der Intensivstation im Krankenhaus Bretten seit Monaten erlebt.

Die 43-Jährige arbeitet nicht ausschließlich, aber auch mit Covid-Patienten und gehört damit zu jener Gruppe, die sich zu Beginn der Pandemie mit Beifall bedacht sah. Damals allerdings, als die erste Welle durchs Land rollte, sei das Haus in Bretten im RKH-Klinikenverbund noch weitgehend außen vor bei der Behandlung von Corona-Patienten gewesen, sagt Heidi Braun. Andere Kliniken seien zu Zentren erklärt worden. Spätestens mit der zweiten Welle im Winter jedoch wuchs auch in der Melanchthonstadt die Zahl der schwer Erkrankten, um deren Leben die Krankenschwester und ihre Kollegen kämpfen.

Es ist ein Kampf, der keine Sekunde Müdigkeit duldet, beschreibt die Knittlingerin, die 2019 für die Alternative Liste in den Gemeinderat einzog, ihre Einsätze auf der Intensivstation. Zwar werde nicht jeder Covid-Patient intensiv beatmet und brauche damit in jeglicher Hinsicht Hilfe – vom Schließen der Lider über das Absaugen von Sekret bis zur regelmäßigen Umlagerung. Aber auch diejenigen, die über einen Schlauch Sauerstoff zugeführt bekämen, müsse sie ständig im Blick behalten. „Rutscht der Beatmungsschlauch heraus, geht die Sauerstoffsättigung binnen Sekunden auf einen absolut kritischen Wert zurück.“ Ziel sei, die Patienten möglichst lange wach und ansprechbar zu halten. Entsprechend groß sei der Bedarf dieser Menschen nach Zuspruch und Ermutigung. „Wenn ich gefragt werde, wie belastend meine Arbeit ist, gibt es zwei Aspekte. Der eine ist die voll belegte Station mit einer Fülle von Arbeit. Das bekommt man aber in einem starken Team gestemmt. Der zweite, der psychische Aspekt ist wesentlich fordernder. Denn da fragen Patienten: ,Bin ich zu spät gekommen? Ist der Zug für mich abgefahren?‘ Wir versuchen, Hoffnung zu geben, aber klar ist, dass alle Prognosen sehr schwierig sind. Maßgeschneiderte Medikamente zur Therapie gibt es nicht. Werte können sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne von katastrophal in Richtung ganz ordentlich und umgekehrt entwickeln. Und es ist viel Geduld erforderlich. Covid ist keine Sprintstrecke, sondern ein Marathon. Manche Patienten sind wochenlang bei uns. Da weiß man, wie der Hund heißt und wohin die letzte Urlaubsreise ging“, sagt Heidi Braun.

Sie selbst joggt, fährt Rad, genießt die Gesellschaft ihrer Katzen und im Rahmen des Erlaubten jene von Freunden, die sie zumeist ohnehin im Alltag trifft. Das beschert ihr Ablenkung, doch nicht immer gelingt es ihr, das Erlebte abzuschütteln. „Manche Nacht liege ich wach und denke darüber nach, wie ich einem bestimmten Patienten noch besser helfen könnte“, erzählt die 43-Jährige, die ihre Ausbildung in Mühlacker absolviert und später ihr berufliches Portfolio um ein Studium der Sozialen Arbeit erweitert hat. Nach verschiedenen Stationen im sozialen und medizinischen Sektor und einer Fachausbildung hat sie den Fokus auf den Bereich Anästhesie und Intensivpflege verlegt, seit 2014 arbeitet sie im Krankenhaus Bretten.

Dort verschafft sie sich an Tagen, an denen sie auf der Intensivstation eingeteilt ist, bei Dienstbeginn zunächst einen Überblick über den Zustand der Patienten, von denen nicht alle wegen einer Corona-Infektion behandelt werden. Eingehüllt ist sie zu ihrem eigenen Schutz in einen speziellen Anzug, sie trägt über acht Stunden hinweg FFP2-Maske, Haube, doppelte Handschuhe. Ängstlich sei sie nicht, antwortet sie auf die Frage, wie sehr sie sich vor einer Ansteckung fürchte. Aber Respekt bringe sie der Krankheit in hohem Maße entgegen. „Klar haben viele einen leichten, manche einen etwas heftigeren und nur wenige einen schweren Verlauf. Aber Letzteres wünscht man wirklich niemandem.“ Der Altersdurchschnitt sinke sukzessive, Männer seien etwas häufiger betroffen als Frauen.

Die Patienten seien für sie und ihre Kollegen keine Nummer, sondern Menschen mit Geschichte – und enormen Ängsten. „Wenn einer sich festklammert, ,hilf mir, hilf mir, ich will nicht sterben!‘ schreit, lässt einen das nicht los.“ Heidi Braun selbst wurde im Rahmen der am höchsten priorisierten Gruppe bereits im Januar geimpft. Trotzdem lasse sie sich regelmäßig testen und trage, schon allein, um anderen Respekt zu signalisieren, Maske. Auch bei Gemeinderatssitzungen.

Für die Ratsarbeit wünsche sie sich mehr Online-Formate, die ein häufigeres Tagen auch von Ausschüssen erlauben würden. „Es geht darum, sich auszutauschen und am Ball zu bleiben“, sagt die Stadträtin. Mit Sorge beobachte sie eine Spaltung der Gesellschaft in der Frage, wie mit der Pandemie umzugehen ist. Dabei störten sie nicht die Menschen, die friedlich und im Rahmen der Vorschriften demonstrierten. Schließlich erschienen tatsächlich manche Regeln nicht unbedingt sinnvoll, und das ständige Hin und Her schade enorm. Richtig wütend werde sie, wenn Demos eskalierten, wenn Einzelne provokativ aufträten und damit jegliche Solidarität vermissen ließen. „Ihr mutet mir zu, dass ich noch mehr Menschen in den Tod begleiten muss“, rufe sie jenen zu. Nicht vor jeder schweren, potenziell tödlichen Krankheit könne man sich schützen. Gegen Corona hingegen helfe eine Gesellschaft, die Rücksicht nehme.

Für den Fall, dass sie selbst einmal Hilfe benötige, wünsche sie sich eine Krankenschwester, die mitfühle. Menschen mit Empathie seien gerade äußerst gefragt. Unzählige Telefongespräche mit Angehörigen führe sie jeden Tag. Eine Katastrophe sei es, dass die Familien ihre Liebsten nicht oder nur in den letzten Stunden sehen dürften. Wie schnell sich der Zustand verschlechtern könne, sei Außenstehenden schwer zu vermitteln. „Wir versuchen, das System zu stabilisieren“, sagt Heidi Braun. Wenn sich am Ende einer Berg- und Talfahrt Besserung abzeichnet, radelt sie umso befreiter heim nach Knittlingen.

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