5G wirft viele Fragen auf

Illingen

Dr. Sylvia Renkert vom Gesundheitsamt bewertet im Gemeinderat Illingen den Mobilfunk aus Sicht von Experten. Thema wird im November auf einer Einwohnerversammlung weitergeführt.

Das Thema „Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung“ wird nicht nur in Illingen kontrovers diskutiert. Archivfoto: Sadler

Das Thema „Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung“ wird nicht nur in Illingen kontrovers diskutiert. Archivfoto: Sadler

(Foto: Kuehn)

Von Frank Goertz

Illingen. Der neue Mobilfunkstandard 5G beschäftigt die Menschen, nachdem die Telekom nicht nur einen Standort in Illingen mit 5G aufgerüstet hat, sondern offenbar auch beabsichtigt, den Sendemast in Schützingen entsprechend zu erweitern. In der vergangenen Woche hat ein „Experte“ von der Initiative „5G Faktencheck“ auf Einladung des Bürgervereins Illingen vor einer strahlenden Zukunft gewarnt (MT berichtete). Jetzt hat sich Dr. Sylvia Renkert vom Gesundheitsamt, trotz der aktuell hohen Arbeitsbelastung infolge der Corona-Pandemie, die Zeit genommen, um im Gemeinderat die angeblichen Mobilfunkgefahren aus Sicht des Gesundheitsamts zu bewerten und so die Situation zu versachlichen. Ihr Vortrag diente indirekt auch der Vorbereitung einer Einwohnerversammlung am 17. November, die sich mit dem Thema 5G beschäftigen soll.

Die Botschaft von Dr. Renkert war ebenso fundiert, durch diverse Studien untermauert, wie auch komplex. Unter dem Strich stand die Aussage, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Mobilfunkfeldern und einer nachhaltigen gesundheitlichen Beeinträchtigung gibt. Was nicht bedeute, dass Mobilfunkstrahlen keine Auswirkungen auf den Körper haben. Sie seien aber viel zu energiearm, um etwa wie Röntgen- oder Gammastrahlen Bindungen im Körper zu spalten, was zu Gesundheitsschäden führe. Dazu müsse, so Dr. Renkert, die Frequenz von Mobilfunkstrahlen etwa um den Faktor 10000 bis 100000 höher sein.

Allerdings hätten Mobilfunkwellen, wenn das Telefon lange direkt am Ohr gehalten wird, eine Wärmewirkung auf den Körper, weil die Strahlen von der Haut absorbiert werden und ihre Energie ans Gewebe abgeben. Ob dies gesundheitsschädlich sei, sei umstritten. Generell bilden sich Hitzeschockproteine bei zellulärem Stress wie Hitze, Sauerstoffmangel oder auch Alkoholkonsum. „Es gibt widersprüchliche Erkenntnisse zur Herstellung dieser Schutzproteine unter Mobilfunk; mal mehr, mal weniger oder kein Effekt“, so Dr. Renkert. Die in den Studien gefundenen Ergebnisse passten in Bezug auf Dosis und Wirkung nicht zusammen.

Gleichzeitig räumte die Expertin ein, dass sich aus anderen Studien Hinweise ableiten ließen, dass Mobilfunk im Nervengewebe zu (vorübergehenden) Schäden am Erbgut führen könnten. „Das passiert aber ständig im Körper“, warnte Renkert vor voreiligen Schlüssen, denn die Erbgutschäden seien nicht nachhaltig: „Sie werden innerhalb von ein bis zwei Stunden nach Mobilfunkexposition wieder repariert.“ Der Wirkungsmechanismus der Schädigung sei ungewiss, Effekte kausal nicht zu erklären. „In der Bevölkerung unseres Landes ist in den vergangenen 20 Jahren nur eine marginale Zunahme der Krebserkrankungen des Gehirns zu beobachten“, so Dr. Renkert. Dies korrespondiere – eine Krebsgefahr durch Mobilfunkstrahlen als Annahme vorausgesetzt – nicht mit dem sprunghaften Anstieg der Mobilfunknutzung in jüngster Vergangenheit. Allerdings wollte Dr. Renkert dem Mobilfunk auch keinen Persilschein ausstellen: „Ob Mobilfunk eine Teilursache der marginalen Zunahme von Krebserkrankungen im Gehirn ist, bleibt unklar.“ Bei langer und häufiger Nutzung lasse sich diese These zumindest nicht „zweifelsfrei ausschließen“, ging die Medizinerin hier auf Nummer sicher.

Ein ganz anderes Thema als die Gefahren von Mobilfunkstrahlen durch Handy-Nutzung am Körper treibt Grünen-Sprecher Jürgen Claß um: „Wie wirken sich die Strahlen von Mobilfunkmasten aus?“, wollte er wissen. Gegen die könne man sich ja nicht wehren. Hier gab Dr. Renkert Entwarnung: „Die Sendeleistung von Mobilfunkmasten ist um ein Vielfaches geringer als die eines Endgeräts in der Hand.“ Sie kenne die Diskussion, ob das elektromagnetische Feld von Masten zu Gesundheitsschäden führt. Hier deute alles darauf hin, dass dies nicht der Fall sei. Vielmehr könne es sein, dass Menschen aufgrund eines umgekehrten Placebo-Effektes über Gesundheitsprobleme klagen. „In einer Studie hat man die elektromagnetischen Felder nur zum Schein abgeschirmt. Die Probanden haben trotzdem angegeben, sich viel besser zu fühlen“, machte Dr. Renkert deutlich, welche Spiele manchmal die Psyche mit dem Körper treibe.

Auf einer Einwohnerversammlung am 17.November, 19 Uhr, in der Stromberghalle will Bürgermeister Harald Eiberger das Thema weiter vertiefen. Er hat zahlreiche Referenten zum Thema 5G angefragt. Zugesagt haben bislang: Bundesamt für Strahlenschutz, Deutsche Telekom, Gesundheitsamt, Gewerbeverein Illingen, Telefónica Germany, Vodafone und die Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald. Neben den Ausführungen der Experten soll es die Möglichkeit für Fragen geben und auch eine allgemeine Fragerunde an die Gemeinde. Da die Versammlung Corona-konform stattfindet, ist eine Anmeldung zwingend erforderlich.
Wie Bürgermeister Harald Eiberger außerdem erklärt, plane er zeitnah noch eine zweite Einwohnerversammlung. Dabei soll es dann schwerpunktmäßig um den Radverkehr gehen.

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