„Man muss sich gegen den norddeutschen Sprachimperialismus wehren“

Baden-Württemberg

Ministerpräsident Kretschmann wundert sich, dass Süddeutsche meinen, in Hannover werde das schönste Deutsch gesprochen. Er hofft auf mehr regionale Nuancen in Funk und Fernsehen.

Er vermisst Regionalsprachen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk: Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Er vermisst Regionalsprachen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk: Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

(Foto: Lichtgut/Leif Piechowski)

Von Jan Sellner

Die Dialektinitiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann schließt auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Er wünscht sich eine stärkere Beachtung von Regionalsprachen.

Sollte Mundart im Radio und Fernsehen mehr vorkommen?

Nicht zwingend mehr Dialekt. Aber es geht erst mal darum klarzumachen, dass auch die Standardsprache verschiedene Ausprägungen hat. Der Sprachforscher Hubert Klausmann spricht von drei „Ideologien der Hochsprache“: Standardismus, Homogenismus und Hannoverismus. Die Annahme, es gäbe eine Standardsprache, ist nämlich ein Irrtum. Ebenso die Auffassung von Homogenität. Zudem meinen manche, in Hannover werde das beste Deutsch gesprochen. Verrückterweise glauben das auch die Süddeutschen. Das sind aber alles Ideologien. In Wirklichkeit gibt es verschiedene Ausgaben der Standardsprache – je nach Region. Es gibt da keine Wertigkeitshierarchien, kein Besser oder Schlechter. Bei uns sagt man „Gang“ und nicht „Flur“; man sagt „Dreiviertel acht“ und nicht „Viertel vor acht“. Da muss man sich gegen den norddeutschen Sprachimperialismus einfach auch mal wehren.

Was fällt ihnen noch auf?

Das Wort „Jungs“ kriegt man bei uns nicht mehr weg, das hat sich so tief eingebürgert, da ist nichts mehr zu machen. Du kannst heute nicht mehr sagen, die „Buben“ vom VfB Stuttgart. Das käme komisch daher. Dabei ist Buben ein erhabenes Wort, urlateinisch „puer“, englisch „boy“, und nicht etwa eine Absonderlichkeit.

Haben Sie Beispiele für den sogenannten norddeutschen Sprachimperialismus?

Es heißt nun mal nicht „Baden-Württembeeerg“. Wenn das ein Norddeutscher sagt, ist das zu akzeptieren. Aber viele sagen das ja so, weil sie glauben, das sei gutes Hochdeutsch. Und „Schweeebischer Wald“ muss man nun wirklich nicht sagen. Das kann man auch von einem Norddeutschen verlangen. Und wenn ein Bürger im SWR-Fernsehen Honoratiorenschwäbisch spricht, muss man das nicht mit Untertiteln unterlegen.

Sie achten auf die Aussprache, wenn Sie Radio hören?

Ja! Und das haben wir ja auch im Staatsvertrag festgelegt. Dort heißt es seit Inkrafttreten des Reformvertrags am 1. Dezember: „Südwestdeutschland und die Vielfalt seiner Regionen, ihre Kultur sowie ihre Regionalsprachen sind in den Angeboten des SWR regelmäßig und angemessen zu berücksichtigen“. Das ist jetzt schon sehr deutlich. Wozu hat man sonst den SWR? Sonst kann man gleich einen Einheitsfunk machen.