Stuttgarter Ingenieure bauen Attraktion in Taiwan

Politik

Nirgends auf der Welt gibt es solch eine Brücke wie über den Tamsui-Fluss bei Teipeh. Entworfen von Stararchitektin Zaha Hadid und Ingenieuren aus Baden-Württemberg.

Die Danjiang-Brücke im Sonnenuntergang.

Die Danjiang-Brücke im Sonnenuntergang.

(Foto: Leonhardt, Andrä und Partner)

Von Christian Gottschalk

Es gibt Brücken, die sind Kult. Die Golden Gate Bridge zum Beispiel, die schon seit 1937 ein Wahrzeichen von San Francisco ist. Oder die Ruyi-Brücke im chinesischen Shenxianju, die sich in drei wellenförmigen Teilen über einen atemberaubenden Canyon spannt. Am Dienstag, 12. Mai, wird in Taiwan eine Brücke für den Verkehr freigegeben, die in vielen Punkten das Zeug dazu hat, ebenfalls Kultstatus zu erlangen. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei der Danjiang-Brücke um die längste asymmetrische Schrägseilbrücke der Welt, die nur einen Pylonen hat. Wer das 920 Meter lange Bauwerk jedoch vor allem bei Sonnenuntergang betrachtet, erlebt einen Wow-Moment.

Verkehrsplaner: Brücke ist notwendig

Kein Wunder: hinter dem Bauwerk steckt zum einen das Architekturbüro von Zaha Hadid. Es ist eines der letzten Projekte, an dem die 2016 verstorbene irakisch-britische Star-Architektin beteiligt war. Ihr Tod fiel in die Phase der Ausführungsplanung, die Ausschreibung des Projektes fand bereits im Jahr 2015 statt – auch in Taiwan will gut Ding mitunter Weile haben.

Ebenfalls von Anfang an mit von der Partie war das Stuttgarter Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner. Fritz Leonhardt, der Vater des Stuttgarter Fernsehturms, hat das Büro einst gegründet, das sich weltweit an komplizierte Brückenkonstruktionen wagt, und dafür zahlreiche internationale Preise gewonnen hat.

Das Werk in Taiwan hatte dabei mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Baumaßnahmen hierzulande. Aus Sicht der Verkehrsplaner ist die Brücke über den Tamsui-Fluss eine absolute Notwendigkeit, um die bestehende Guandu-Brücke zu entlasten. Die neue Brücke stellt eine Verbindung zwischen den Bezirken Tamsui und Bali (nicht zu verwechseln mit der indonesischen Insel) dar und verkürzt die Fahrt vom internationalen Flughafen. Das ist die eine Seite. Die andere ist der Naturschutz.

Feuchtgebiete mit zahlreichen Vögeln und anderen Tieren sollen geschützt – und die an dieser Stelle des Flusses besonders gute Aussicht auf den Sonnenuntergang nicht verbaut werden. Dem trägt das Bauwerk nun Rechnung. Die Schrägseile bestehen aus 94 Litzenbündeln mit bis zu 109 Litzen, diese sind bis zu 442 Meter lang.

Für alle, die nicht die Feinheiten des Brückenbaus studiert haben reicht das Ingenieurbüro die Erklärung dazu nach: „das ist lang“. Im Ergebnis ist eine Brücke entstanden, die nicht klobig, sondern fein wirkt, und die mit einem einzigen Pylonen allen Naturliebhabern die Möglichkeit eröffnet, auch weiterhin zum romantischen Sonnenuntergang an den Fluss zu gehen. „Als Ingenieure hätten wir uns eine konventionellere Lösung gewünscht“, sagt Kilian Karius, der Projektleiter der Stuttgarter Ingenieure. Inzwischen ist er froh, dass die Planung genau so erfolgt ist, wie sie eben ist: „Die einzigartige Silhouette und das Farbenspiel bei Nacht geben dem Konzept recht.“

Denn auch nach Sonnenuntergang lohnt sich der Weg zum Tamsui-Fluss. 126 Lampenmasten tauchen die Brücke in ein Lichtspektakel, sie sind Unikate mit unterschiedlicher Geometrie. Kein Wunder, dass das Bauwerk seinen Preis hat: insgesamt 12,5 Milliarden Taiwan-Dollar hat die Brücke gekostet- etwa 340 Millionen Euro.

Erdbeben sind an der Tagesordnung

Wobei die Lampen der vermutlich deutlich kleinere Kostenfaktor waren: In Taiwan sind Erdbeben eine fast schon allwöchentliche Realität, jüngst hat es am ersten Maiwochenende wieder im Nordosten der Insel kräftig gewackelt. Die Brücke muss kleinere Beben überstehen und nach großen schnell und einfach zu reparieren sein. Und da auch die Taifunsaison jedes Jahr ein wenig heftiger wird, galt es auch gegen heftige Winde Vorsorge zu treffen.

Die Taiwaner haben ihre neue Brücke schon vor der offiziellen Einweihung zu schätzen gelernt. Zu einem Kunstfestival, inklusive Konzert und Picknick sind kurz bevor das Eröffnungsband zerschnitten wurde rund 150 000 Menschen zu der Brücke geströmt. Unter ihnen war auch Verkehrsminister Chen Shih-kai. Er hofft nicht nur auf eine Entlastung der verstopften Straßen, sondern auch, dass die mit Stuttgarter Ingenieurskunst erbaute Brücke eine Touristenattraktion wird.