Römer und Germanen: Zeitreise in eine kriegerische Geschichte
Panorama
Im Jahr 9. n. Chr. vernichteten germanische Krieger ein großes römisches Heer. Der Name des Generals gab der Schlacht ihren Namen: Varusschlacht. Doch die Geschichte von Römern und Germanen umfasste weit mehr als nur eine Schlacht. Begeben Sie sich mit uns auf eine Zeitreise zurück in die Antike – nach Germanien.
Antikes Relief mit der Darstellung eines Überfalls römischer Soldaten auf ein Dorf der Germanen.
(Foto: Imago/United Archives)
Von Markus Brauer
Die legendäre Varusschlacht im Jahr 9. n. Chr. gehört zu den Gründungsmythen der Deutschen. Nach den Befreiungskriegen in den Jahren 1813 bis 1815 gegen den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte stieg „Hermann der Cherusker“ zum Volkshelden auf, der als Erster die Fesseln der Fremdherrschaft abgestreift hatte.
Roms Expansionsstreben in Germanien
Mit Publius Quinctilius Varus wurden 9. n. Chr. drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross, zusammen gut 20.000 Mann – ein Achtel des Gesamtheeres des Römischen Reiches –, von germanischen Stammeskriegern unter Führung des Cheruskers und römischen Ritters Arminius vernichtet.
Die von dem römischen Historiker Tacitus als „Clades Vairana“ (Varus-Niederlage) bezeichnete mehrtägigen Defilee (Bewegungs)-Gefechte leitete das Ende der römischen Bestrebungen ein, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens (die sogenannte Fluvius Albis) zur Provinz zu machen. Die Schlacht gehönrt zu den wichtigsten Ereignissen der antiken Geschichte.
Und doch war die Varusschlacht nur ein einzelnes, wenn auch wirkmächtiges Ereignis innerhalb des römischen Expansionsstrebens unter den Kaisern Augustus und Tiberius in die rechtsrheinischen Gebiete bis zur Elbe. Von 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. unternahmen römische Heerscharen eine Reihe von Vorstößen in das Innere Germaniens, um die dort siedelnden Stämme unter die Herrschaft Roms zu zwingen.
12 v. Chr. bis 6 n. Chr.: Die Feldzüge von Drusus und Tiberius
Nachdem im Jahre 9 v. Chr. ein römisches Heer erstmals bis an die Elbe, etwa im Raum Magdeburg, vorgedrungen war, zeichnete sich in den folgenden Jahren eine Vorverlegung der Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe ab. Geographische Details dieser Feldzüge sind den antiken Quellen jedoch selten zu entnehmen, so dass man vor allem auf archäologische Funde angewiesen ist.
Das Vordringen der Römer bis an die Elbe oder gar darüber hinaus, zuweilen in das Reich der Sage verwiesen, hat in der Vergangenheit unter Historikern zahlreiche Diskussionen ausgelöst. So ist der Ort, an welchem im Jahre 9 v. Chr., wie der griechische Historiker Dio Cassius (um 150-235 n. Chr.) berichtet, ein „Weib von übermenschlicher Gestalt“ den römischen Feldherrn Drusus (38-9 v. Chr.) mit Drohungen davon abhielt, die Elbe zu überschreiten, bei Magdeburg oder in der Altmark gesucht worden.
Als Stätte der vom römischen Chronisten Velleius Paterculus (20 v. Chr. - 30 n. Chr.) für das Jahr 5 n. Chr. beschriebenen Begegnung zwischen dem römischen Feldherrn und späteren Kaiser Tiberius (42. v. Chr. bis 37 n. Chr.) und jenseitigen Bewohnern am Ufer der Elbe werden zuweilen Wolmirstedt, Havelberg oder Lenzen genannt.
12 v. Chr. bis 9. n. Chr.: Römische Militärlager in Germanien
In seinem berühmten Tatenbericht stellt Kaiser Augustus (27 v. - 14. n. Chr.) fest: „Germaniam pacavi" - "Germanien habe ich befriedet.“
Diese triumphalistische Behauptung gab der historischen Forschung schon immer Rätsel auf. Denn im Jahr 9 n. Chr. wurde ein römisches Heer unter Varus in der Schlacht im "Teutoburger Wald" bekanntlich von Germanen fast komplett aufgerieben und der Versuch, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zur Provinz Germanien zu machen, schlug fehl.
Andererseits haben die römischen Historiker Tacitus und Cassius Dio geschrieben, dass in der Zeit unter Varus in Germanien bereits römische Städte (Coloniae bzw. Poleis) existierten.
Verschiedene römische Militärlager östlich des Rheins sind gründlich untersucht worden. Keines hat länger als bis 9 n. Chr. existiert. Legionslager im rechtsrheinischen Germanien wie Vetera (nahe Xanten) waren meist befestigte Stützpunkte, die zwischen 12 v. Chr. und 9 n. Chr. zur Eroberung und Sicherung der „Germania magna“ dienten. Wichtige Lager entlang der Lippe (Haltern/Aliso, Oberaden, Anreppen) sowie in Waldgirmes (Hessen) und Marktbreit (Bayern) dienten als Sommer- oder Winterquartiere.
Ein Beispiel: Haltern an der Lippe war zunächst ein reiner Militärstützpunkt. In den letzten Jahren seines Bestehens traten jedoch zivile und wirtschaftliche Aufgaben hinzu, sodass aus dem Platz unter Varus ein gemischt militärisch-ziviler Stützpunkt wurde. Mit Funktionen, die für römische Städte charakteristisch waren, wobei das Militär jedoch dominant blieb.
4/3 v. Chr- bis 9 n. Chr.: Waldgirmes – eine römische Stadt im Werden
Ausgrabungen in Waldgirmes, einem Ortsteil der Gemeinde Lahnau im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis haben die Reste einer planmäßig angelegten zivilen römischen Stadt zutage gefördert.
Sie liefert den Beweis, dass sich die Militär- und Verwaltungsmacht des Imperium roamuns hier einen Platz geschaffen hatte, von dem aus die weitere strukturelle und verwaltungstechnische Entwicklung der germanischen Gebiete vorangetrieben werden sollte.
Roms Vorposten in Germania magna
Die Siedlung wurde kurz vor der Zeitenwende (4 oder 3 v. Chr.) gegründet, was dendrochronologische Datierungen (eine naturwissenschaftliche Methode zur jahrgenauen Datierung von Holz, basierend auf den unterschiedlichen Breiten der Jahresringe) der Holzbrunnen belegen, und endete wohl 9 n. Chr. mit der Varusschlacht oder spätestens mit dem Rückzug der Römer aus den Gebieten östlich des Rheins im Jahr 16 n. Chr., als diese nach mehreren Rückschlägen den Plan aufgeben mussten, Germanien rechts des Rheins zur Provinz zu machen.
Eindrucksvoll ist die Gesamtanlage der Siedlung, die auf einer regelrechten Stadtplanung basierte. Innerhalb einer Umwehrung, die von einem holzverschalten Erdwall mit davor liegendem Graben gebildet wurde, erfolgte die Anlage ganzer Siedlungs- oder Stadtquartiere mit Einzelbauten unterschiedlicher Funktion und Nutzung.
Im Zentrum entstand auf 2200 Quadratmetern das Forum mit Basilika, einem Bautyp wie er im mediterranen Raum als Verwaltungs-, Gerichts- oder auch Markthalle Verwendung fand. Ein solcher Ort brachte die Macht des römischen Staats optisch zum Ausdruck, wenn die Gesamtanlage eine eindrucksvolle Gebäudegestaltung und entsprechende Häuserhöhen erreicht und die Bauwerke noch dazu innen und außen entsprechend aufwändig gestaltet sind.
9. n. Chr: Die Varusschlacht
Beim Ort (oder einem der Orte) der Varusschlacht handelt es sich um ein Areal in der Kalkrieser-Niewedder Senke in Bramsche im Osnabrücker Land, in dem größere Mengen römischer Funde gemacht worden sind. Es handelt sich neben dem Römerlager Hedemünden, dem Fundplatz Bentumersiel und dem Harzhorn-Ereignis um eine der wenigen größeren römischen Fundstellen im norddeutschen Raum.
In den drei- bis viertägigen Kämpfen vernichtete das Heer germanischer Stämme unter dem Cherusker-Fürsten Arminius die römischen Legionen. Noch heute gilt die Schlacht als Anfang vom Ende der römischen Besatzung Germaniens.
Das Wetter kommt den Germanen zu Hilfe
Arminius verdankte seinen überwältigenden Sieg aber nicht nur einer geschickten Guerillataktik, ihm kam auch das Wetter zu Hilfe. Am Anfang stand jedoch ein Verrat: Als vermeintlicher Verbündeter nutzte der Cherusker und römische Offizier Arminius das Vertrauen des Varus, um ihn mit seinem gesamten Heer auf dem Weg ins Winterhauptquartier in eine Falle zu locken.
Mit dem Hinweis auf einen lokalen Aufstand brachte Arminius den General dazu, seinen gewaltigen, 20 bis 25 Kilometer langen Tross von 15.000 bis 20.000 Soldaten und 5000 Tieren samt Transportkarren, auf einen Umweg zu führen, abseits der gut ausgebauten Straße.
Dieser allerdings schlängelte sich durch unwegsames Gelände. Dichter Wald, steile Hänge und Hindernisse ließen die Römer nur langsam vorankommen. Immer wieder mussten sie anhalten, „um Bäume zu fällen, Wege zu bahnen und Dämme zu bauen“, wie der römische Historiker Cassius Cocceianus später berichten wird.
Dann kam auch noch das Wetter ins Spiel – gegen die Römer: Heftige Stürme und anhaltende Regenfälle erschwerten den sonnenverwöhnten Besatzern das Vorankommen weiter. „Der Boden aber, schlüpfrig geworden um die Wurzeln und Baumstümpfe machte sie ganz unsicher beim Gehen, und die Kronen der Bäume, abgebrochen und herabgestürzt, brachte sie in Verwirrung“, schreibt Cassius Cocceianus.
100 n. Chr.: „Germania“ des Tacitus
Auf nur 25 Seiten schuf der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus gegen Ende des 1. Jahrhunderts seinen Bericht „Germania“ - und damit auch das Volk der Germanen, das historisch so gar nicht existierte. In der Antike lebten auf diesem Territorium völlig unabhängig voneinander vielerlei Stämme.
Germanien beschreibt er als unwirtliches, raues und trostloses Land, „teils Schauder erregend durch seine Wälder, teils widerlich durch seine Sümpfe“ und dazu „feucht und windig“.
Warum zeichnete Tacitus das positive Bild eines unverdorbenen, kampfeslustigen Naturvolks? Wollte er damit den dekadenten Römern einen Spiegel vorhalten? Wollte er vor dem starken Gegner im fremden Norden warnen, gegen den die Römer nicht wieder zu Felde ziehen sollten?
Tacitus‘ „Germania“ ist in zwei Hauptteile gegliedert, innerhalb deren es keine systematischen Gliederungselemente gibt: Im ersten Teil handelt er Sitten, Gebräuche und Charakterzüge der Germanen ab. Im zweiten geht er im Westen beginnend die wichtigsten germanischen Stämme mit ihren Eigenarten durch.
Die Germanen als Volk gab es nicht
Tacitus sah die Germanen als ein mehr oder weniger einheitliches Volk an, das sie in der Antike aber nie waren und als welche sie sich selbst auch nie verstanden. Die verschiedenen Stämme wie Bataver, Cherusker, Chatten, Markomannen und Sueben lebten unabhängig voneinander, schlossen zum Teil kurzlebige Bündnisse, bekriegten einander, waren nicht alle romfeindlich gesonnen und verfügten über keinerlei einheitliche Organisation.
Da die Germanen wenig Kontakt zu anderen Völker gehabt hätten, seien sie sich, so Tacitus, äußerlich sehr ähnlich: Sie hätten grimmig blickende blaue Augen, rötliche Haare und große Körper, die hervorragend geeignet für Sturmangriffe, aber wenig ausdauernd seien, empfindlich gegenüber Durst und Hitze, hingegen stark im Ertragen von Hunger und Kälte.
Tacitus zollte den Germanen großen Respekt – für ihre Kampfesstärke, aber auch für ihre Lebensführung frei von Verlockungen des Luxus. Der Gelehrte, der zum erweiterten Beraterkreis des Kaisers gehörte, könnte auch im Sinn gehabt haben, die römischen Eliten vor neuerlichen Auseinandersetzungen mit germanischen Stämmen zu warnen.
Mitte des 3. Jahrhundert: Das Harzhorn-Ereignis – Roms vergessener Feldzug
Im niedersächsischen Landkreis Northeim gelang Archäologen im Jahr 2008 ein sensationeller Fund. Sie entdeckten am westlichen Rande des Harz ein gut erhaltenes römisches Schlachtfeld, das völlig neue Erkenntnisse über das Mit-, Neben- und Gegeneinander von Römern und Germanen liefert.
Das Gefecht fand nach Ansicht der Wissenschaftler in einem Zeitfenster vom ausgehenden 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts statt und wird in historischen Quellen so gut wie gar nicht erwähnt.
2008: Ein sensationeller Fund im Wald
Anfang Juni 2008 legte ein geschichtlich interessierter Bürger der Northeimer Archäologin Petra Lönne ungewöhnliche Funde vor: eiserne Speerspitzen, Spitzen von Katapultgeschossen, eine Pionierschaufel und eine so genannte „Hipposandale“ – ein spezieller Hufschutz für Pferde und Maultiere, wie er nur in der römischen Armee verwendet wurde. Auch die übrigen Funde waren römischen Ursprungs. Die Objekte stammten von einem markanten Geländesporn am Harzrand.
Eine Überprüfung im Gelände bestätigte die Angaben des Finders und zeigte, dass noch weitaus mehr Fundstücke im Waldboden oft nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche lagen. Gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege leitete die Kreisarchäologie noch Ende August 2008 ein ungewöhnliches Projekt ein: Abgeschirmt von der Öffentlichkeit wurde das Gelände mehrfach systematisch mit Metallsonden erforscht. Hunderte georteter Funde wurden freigelegt, detailliert dokumentiert und konserviert.
Entscheidend für die wissenschaftlichen Expertise war die präzise dreidimensionale Einmessung jedes einzelnen Fundes, um den Charakter der Fundstelle zu klären. Sehr oft werden Metallfunde aus ihrem Kontext gerissen und zu rein antiquarischen Sammelfunden reduziert, die ihrer historischen Aussagekraft beraubt sind. Erst durch die Gesamtbewertung vieler einzelner Mosaiksteinchen wird das Potenzial ihrer Aussagekraft deutlich.
Dabei zeigte sich schnell, dass es sich bei der Neuentdeckung nicht wie anfangs vermutet um ein weiteres römisches Lager handelte, sondern um ein ausgedehntes Gefechtsfeld zwischen römischen Truppen und Germanen.
Ein Kampf auf Leben und Tod
In Teilen des weitläufigen Geländes waren die Funde so gut erhalten, dass es möglich war, Teilereignisse des Kampfgeschehens nachzuvollziehen wie etwa den Einschlag gezielter Pfeilsalven oder einzelne Infanterieangriffe. Kein anderes antikes Schlachtfeld, das Archäologen bisher entdecken konnten, hat so eindrucksvolle ungestörte Hinterlassenschaften erbitterter Kämpfe geliefert wie das Harzhorn-Ereignis.
Die Fundstelle liegt am Harzhorn bei Kalefeld auf der östlichen Spitze eines kilometerlangen, Ost-West laufenden Höhenzuges, der als eine natürliche Barriere auf den Westrand des Harzes zuläuft. Die Nord-Süd-Verbindungen entlang des Harzrandes müssen hier einen engen Pass überqueren, wo noch heute die Autobahn 7, die Bundesstraße 248 und die historische Heerstraße auf einem nur 300 Meter breiten Streifen dicht nebeneinander verlaufen.
Reiche Waffenfunde mitten im Wald
Die nach Norden steil abfallenden Hänge der im Westen anschließenden Kuppen sind nur an wenigen Stellen passierbar. Hier fanden sich die größten Konzentrationen an Waffen. Bisher haben die Forscher zwei Stätten identifiziert, an denen sich die Funde häufen. Sie deuten auf ein sehr heftiges Aufeinandertreffen der Gegner hin.
In anderen Bereichen des insgesamt rund 1,5 Kilometer breiten Fundgebietes sind die Ergebnisse weniger eindeutig: Nach Ansicht der Spatenforscher war das Kampfgeschehen hier weniger heftig oder diese Bereiche waren nach der Schlacht geplündert worden. Denkbar ist auch eine Überlagerung durch abgerutschtes Hangmaterial.
Rätselhaft bleibt, warum die Germanen nicht die Gelegenheit nutzten, das verlassene Schlachtfeld systematisch zu plündern. Zertrümmerte Wagen, hunderte aus dem Boden ragende Geschosse und verlorene Ausrüstungsteile müssen noch jahrelang sichtbar gewesen sein, bevor der Wald sie unter sich bedeckte. Die Archäologen vermuten, dass das Gelände möglicherweise zumindest teilweise tabuisiert war und niemand wagte, es zu betreten.
200 Jahre nach der Varusschlacht
Nachdem die Wissenschaftler zunächst von einer Datierung in augusteische Zeit, also in die Dekaden um Christi Geburt, ausgegangen waren, wurde mit der Entdeckung weiterer Funde klar, dass sich das Ereignis mehr als 200 Jahre nach der Varusschlacht abspielte.
Eine der sichersten Datierungshinweise war eine abgegriffene Münze des Kaiser Commodus, der von 180 bis 192 n. Chr. regierte sowie ein Messerfutteral, das nicht vor dem ausgehenden 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden sein kann.
Das gesamte Waffenspektrum stützt diesen zeitlichen Ansatz. Damit ist das Gefecht nach bisherigem Kenntnisstand in ein Zeitfenster vom ausgehenden 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts einzuordnen.
Keine historische Überlieferung
Ein konkretes Ereignis anhand archäologischer Befunde zu rekonstruieren, ist fast immer problematisch. Dies gilt ganz besonders für den ungewöhnlichen Fall, dass es sich um ein Ereignis handelt, für das es so gut wie keine historische Überlieferung gibt.
Das umfangreiche Fundmaterial belegt unstrittig eine starke römische Militärpräsenz. Allerdings befand sich die klassische Struktur der römischen Armee im 3. Jahrhundert schon in weitgehender Auflösung. In ihr dienten vorwiegend Söldner aus den Provinzen und den Randbereichen des Imperiums. So setzte Kaiser Maximinus Thrax 235 n. Chr. bei seinem Feldzug gegen die Germanen unter anderem persische Bogenschützen und maurische Speerschleuderer ein.
Andererseits verwendeten auch die Germanen in dieser Zeit Waffen aus römischer Produktion. Es ist daher anhand der Waffen kaum möglich zu entscheiden, ob sie von einem Römer oder einem Germanen geführt wurden.
Vom Harzhorn liegen allerdings eindeutige Spuren römischer Militärtaktik vor: So wurden die dort gefundenen Pfeile kaum, die indirekt durch die massiven Katapultprojektile fassbaren Torsionsgeschütze (mit mechanischen Spannvorrichtungen versehene große Pfeilgeschütze) überhaupt nicht von Germanen eingesetzt. Daher kann vorausgesetzt werden, dass im militärischen Sinn römisch geführte Truppen an dem Gefecht beteiligt waren.
Was genau geschah am Harzhorn?
Die langjährigen Untersuchungen machen folgende Hypothese wahrscheinlich: Römische Truppen auf dem Rückmarsch aus dem Norden fanden den nach Süden führenden Pass iam Harzhorn versperrt und erkämpften sich ihren Weg unter massivem Waffeneinsatz über den Höhenzug.
Offenbar blieben die römischen Truppen bei diesem Gefecht aufgrund ihrer überlegenden Militärtechnik erfolgreich, mussten aber wegen anhaltender Bedrohung Richtung Leinetal ausweichen.
Geschossspitzen zeigen den Einsatz römischer Torsionsgeschütze. Möglicherweise lässt eine Vielzahl von dreiflügeligen Pfeilspitzen auf die Anwesenheit orientalischer Bogenschützen schließen, die Reflexbögen benutzten. Speerspitzen ergänzen das Spektrum der Waffen.
Auf einen umfangreichen Tross deuten Teile von Wagen, wie Achsnägel, Radnaben und Anschirrungszubehör, aber auch Bruchstücke von Sklavenfesseln oder Zeltheringe hin. Die Fundverteilungsmuster von Sandalennägeln ermöglichen es, den Weg des römischen Heeres über den Pass nach Süden nachzuvollziehen. Die Einschläge römischer Geschossspitzen zeigen die germanischen Stellungen an.
Die Funde am Harzhorn belegen ein dramatisches Ereignis im Rahmen der Beziehungen zwischen Germanen und Römern, durch das viele seit langem bekannte archäologische Phänomene wie der auffallende römische Importstrom in die Germania magna um 200 n. Chr. oder das Auftreten von römischen Waffen auf Opferplätzen dieser Zeit in völlig neuem Licht erscheinen.
1. und 2 Jahrhundert n. Chr.: Stationen einer wechselvollen Geschichte
Mit dem Fund eines antiken Schlachtfeldes wurde in Niedersachsen ein weiterer wichtiger Fundplatz zur Frage des Mit-, Neben- und Gegeneinanders von Römern und Germanen lokalisiert:
- Das Römerlager in Hedemunden an der Werra markiert den Beginn des römischen Zugriffs auf die Germania magna kurz vor Christi Geburt.
- Mit dem Fundort Kalkriese verbindet sich die Niederlage der römischen Militärmacht im Jahre 9 n. Chr., die sich nach den Rachefeldzügen der Jahre 15/16 n. Chr. endgültig aus diesem Teil Germaniens zurückzieht.
- In der Folge konsolidierte sich die nördliche Außengrenze desImperiums am Rhein. Vor allem mit diplomatischen Mitteln wirkte Rom weiterhin auf die rechtsrheinischen Gebiete ein.
- Gegen Ende des 2. Jahrhunderts kam es zu den ersten großen Kriegen, die durch Wanderungsprozesse nach Süden ausgelöst worden waren. Es waren die Auseinandersetzungen mit den Markomannen an der mittleren Donau, welche die Ressourcen Roms und Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) selbst viele Jahre banden.
3. Jahrhundert: Die Alamannen kommen
Im 3. Jahrhundert veränderten sich die Verhältnisse massiv. Germanen drängten in großen Gefolgschaften nach Süden über den Obergermanisch-Raetischen Limes, die Grenze zwischen Donau und Rhein, und nach Westen über den Rhein, um von den wirtschaftlich blühenden römischen Provinzen zu profitieren.
Diese Gebiete waren ihnen wohl bekannt, da in den provinzialrömischen Grenzregionen längst schon eine Vermischung mit der dort ansässigen Bevölkerung stattgefunden hatte. Angehörige germanischer Stämme leisteten als Soldaten Dienst im römischen Heer oder trieben Handel.
Im Jahr 213 n. Chr. fielen zum ersten Mal die Alamannen, ein neu entstandener Verband unterschiedlicher germanischer Gefolgschaften, in Obergermanien und Raetien - dem heutigen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern - ein. Kaiser Caracalla (188-217 n. Chr.) überschritt daraufhin den Limes, um eine militärische Expedition gegen die Alamannen zu starten. Im Jahr 233 verheerten die Alamannen erneut die blühenden Grenzregionen.
235 n. Chr.: Harzhorn-Ereignis unter Kaiser Maximinius Thrax?
Kaiser Maximinus Thrax (172-238 n. Chr.) führte deshalb im Jahr 235 n. Chr. sein zum Teil aus orientalischen Einheiten bestehendes Heer weit nach Germanien hinein, um – wie bei Herodian und in der Historia Augusta überliefert – im Zuge der „Schlacht im Moor“ einen "großen Sieg" zu erringen.
In der historischen Forschung wurde dieses Ereignis überwiegend in die Nähe der römischen Außengrenzen verlagert, da ein Vordringen viele hundert Kilometer weit ins Barbaricum unwahrscheinlich erschien. Mit dem Fund am Harzhorn musste dieses Bild jedoch revidiert werden.
Hier wurde ein größerer römischer Kampfverband, ähnlich wie für den des Maximinus Thrax beschrieben, zum ersten Mal überhaupt für das 3. Jahrhundert n. Chr. mitten in Germanien nachgewiesen.
4./5: Jahrhundert: Roms und Germaniens Weg in den Untergang
In den folgenden zwei Jahrhundert setzte sich der Zerfall des Imperium romanums sukzessive fort. Das Ende des Weströmischen Reiches wird auf das Jahr 476 n. Chr. datiert, als der germanische Heerführer Odoaker den letzten Kaiser, Romulus Augustulus, absetzte. Dieser Akt markierte den Abschluss eines langen, durch innere Krisen (Wirtschaft, Politik) und äußeren Druck (Völkerwanderung) bedingten Zerfalls.
Germanien wurde da schon lange nicht mehr von den ursprünglichen germanischen Stammesverbänden beherrscht. Sie wurden genauso wie das einst so mächtige Rom von der Geschichte überrollt. Nur Ostrom bestand als Byzantinisches Reich bis 1453 fort.