„Renkema-Stelle muss neu besetzt werden“

VfB

Maria Segura Pallerés prägte jahrelang den Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart – nun vermisst sie dort nicht nur die Siegermentalität.

Frühere MTV-Kapitänin mit klarer Haltung: Ex-Volleyballerin Maria Segura Pallerés

Frühere MTV-Kapitänin mit klarer Haltung: Ex-Volleyballerin Maria Segura Pallerés

(Foto: Bm)

Von Jochen Klingovsky

Stuttgart - Maria Segura Pallerés spielte beim Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart von 2020 bis 2025 eine wichtige Rolle: als Außenangreiferin, als Kapitänin, als Führungspersönlichkeit. Nach der titellosen Saison ihres Ex-Clubs blickt sie mit Sorge auf dessen Entwicklung – auch weil der Verein nach der Trennung von Sportchefin Kim Renkema diese Position nicht neu besetzt hat.

Frau Segura, Sie haben Ihre Volleyball-Karriere vor einem Jahr beendet. Wie gut ist Ihnen der Absprung gelungen?

Ich habe es geliebt, Volleyball zu spielen. Und jetzt liebe ich mein neues Leben.

Was machen Sie beruflich?

Ich arbeite in Stuttgart für eine Sportmarketing-Agentur und zudem für eine Agentur, die Volleyballerinnen betreut. Ich kann meine Zeit nun besser einteilen, erlebe neue Kollegen, neue Themen, eine neue Atmosphäre. Sport und Marketing verbinden zu können, ist wunderbar, ich kann meine Erfahrungen und Ideen einbringen – das passt perfekt.

Wie oft waren Sie in der vergangenen Saison in der Scharrena?

Ich bin in fast allen Bundesliga-Hallen gewesen. Von den Stuttgarterinnen habe ich sechs oder sieben wichtige Spiele gesehen, unter anderem das Pokalfinale gegen Suhl, das Play-off-Halbfinale gegen Dresden und das Duell im CEV-Cup mit Galatasaray Istanbul.

Wie war Ihr Eindruck?

Allianz MTV Stuttgart war das stärkste Team der Bundesliga.

Dennoch gab es keinen Titel.

Das ist auch eine Sache der Herangehensweise gewesen. Und ein Kopfproblem.

Inwiefern?

Die Bundesliga-Hauptrunde lief zu gut, die Mannschaft wurde selten richtig gefordert. Trotzdem lautete das Ziel weiterhin, den Pokal und die Meisterschaft gewinnen zu wollen. Das war falsch. Wir haben uns früher immer gesagt: Wir möchten keine Titel holen, wir müssen! Entsprechend haben wir in jedem Training und in jedem Spiel 100 Prozent gegeben. Und wenn es mal schlecht lief, haben wir uns umso mehr gepusht. Dieser absolute Siegeswille hat diesmal gefehlt.

Wurden deshalb gleich drei entscheidende Partien im fünften Satz verloren?

Dass es im Pokalfinale gegen den VfB Suhl trotz einer 13:11-Führung im Tiebreak nicht zum Sieg reichte, hat das Team gebrochen. Die Spielerinnen wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollen, denn sie waren auf eine solche Situation nicht vorbereitet worden. Danach war es nicht mehr möglich, an mentaler Stärke zuzulegen.

Im ersten Play-off-Halbfinale gegen den Dresdner SC kam es noch schlimmer: die Stuttgarterinnen lagen im Tiebreak 14:11 vorne, vergaben drei Matchbälle.

Das hätte nicht passieren dürfen. Zu meiner Zeit gab es mehrere Spielerinnen, die in so einer Situation Verantwortung übernommen und gesagt haben: Gib mir den Ball, ich mache den letzten Punkt – und das Team konnte sich darauf verlassen, dass es auch so kommt. Dieses gegenseitige Vertrauen habe ich in der aktuellen Mannschaft vermisst.

Geschäftsführer Aurel Irion meinte nach dem 2:3 und dem Halbfinal-Aus in Dresden, dass die Mannschaft die Gewinnermentalität, die ihr durch das Karriereende von Krystal Rivers und Ihnen verloren gegangen sei, nächste Saison neu erlernen müsse. Kann man einem Team Siegeswillen beibringen?

Ich denke eher, dass dieser Wille von innen heraus entstehen muss.

Wie?

Jedes Team braucht Typen, die Siegermentalität mitbringen und diese – wie der Trainer und die Verantwortlichen im Verein – jederzeit vorleben. Diese Führungsspielerinnen müssen den anderen klarmachen, dass es darum geht, Tag für Tag besser zu werden und immer noch mehr zu gewinnen. Erst einen Titel, dann das Double, dann das Triple – ein Siegertyp wird sich mit dem, was erreicht worden ist, nie zufriedengeben. Ich denke, dass es sich die aktuelle MTV-Mannschaft etwas zu bequem gemacht hat.

Wer hätte das Team aus der Komfortzone holen können?

Ich will es mal so sagen: Es ist kein Zufall, dass Allianz MTV Stuttgart seit der Trennung von Sportdirektorin Kim Renkema keinen Titel mehr gewonnen hat.

Der Fakt stimmt. Aber ist die Rechnung wirklich so einfach?

Natürlich waren wir zu unserer Zeit alle gemeinsam erfolgreich, der ganze Club. Wahr ist aber auch, dass wir viele Kämpfe mit Kim Renkema hatten, weil sie uns in unkomfortable Situationen gebracht und ständig gepusht hat. Sie wollte immer mehr von uns, und wir wussten: Es gibt im Verein eine enorm Ambitionierte, die Siegermentalität verkörpert und uns bedingungslos fordert.

Der Club hat darauf verzichtet, den Job von Kim Renkema neu zu besetzen.

Ich halte das für einen Fehler.

Warum?

Viele Aufgaben von Kim Renkema wurden auf Konstantin Bitter übertragen, doch ein Trainer ist schnell überfordert, wenn er sich auch noch alleine um Scouting und Kaderplanung kümmern muss. Ein Sportdirektor ist das Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainer-Team und Führungsebene – es ist die wichtigste Position in einem Verein.

Was bedeutet das?

Dass Allianz MTV Stuttgart die Stelle von Kim Renkema unbedingt neu besetzen muss. Der Verein braucht wieder einen Sportchef oder eine Sportchefin.

Beim Dresdner SC und beim SSC Schwerin geht es doch auch ohne.

Das Ziel aller Bundesligisten muss es sein, Volleyball weiter zu professionalisieren. Dazu gehört eine für den Sportbereich verantwortliche Person – in anderen Profi-Sportarten wird darüber gar nicht diskutiert.

Sie sind, als es zur Trennung von Kim Renkema kam, gefragt worden, ob Sie ihre Nachfolge antreten wollen. Was wäre, wenn Geschäftsführer Aurel Irion Sie nun noch einmal fragen würde?

Ich würde wieder nein sagen.

Warum?

Damals fand ich den Umgang mit Kim Renkema nicht korrekt, zudem wollte ich in den Marketingbereich gehen. Das habe ich getan, und ich bin sehr zufrieden damit.

Wird Allianz MTV Stuttgart in der Lage sein, nächste Saison Titel zu holen?

Einfach wird das nicht. Das Niveau in der Bundesliga steigt, denn der Dresdner SC und der SSC Schwerin verstärken sich enorm. Dazu kommt der Double-Gewinner VfB Suhl, der eine perfekte Saison gespielt hat und ein Musterbeispiel für großartige Siegermentalität war. Ich bin sicher, dass der Verein auch weiterhin aus seinen geringeren Mitteln das Optimum herausholen wird.

Wie stark schätzen Sie das neue Stuttgarter Team ein?

Ich weiß zu wenig über die Neuzugänge. Doch ich gehe davon aus, dass die Mannschaft in der Lage sein wird, ihre Qualität zumindest zu halten.