Räume des Zuhörens

Kultur

Die 61. Internationale Kunstbiennale Venedig spiegelt die Vielfalt des Globalen Südens, während die Länderpavillons auf der Suche nach einer eigenen Rolle sind.

Die Hauptausstellung im zentralen Pavillon der Giardini und den historischen Werftanlagen des Arsenale versucht, „Räume des Zuhörens“ zu schaffen.

Die Hauptausstellung im zentralen Pavillon der Giardini und den historischen Werftanlagen des Arsenale versucht, „Räume des Zuhörens“ zu schaffen.

(Foto: IMAGO/Manfred Segerer)

Von Henning Klüver

Der Trubel im Vorfeld der 61. Kunstbiennale hat sich gelegt. Abgesehen von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen etwa vor dem Pavillon Israels oder dem geschlossenen Russlands mit einem kuriosen Monitorprogramm davor pflegt die internationale Kunst und Kultur ihren Auftritt. Sie tut das nach dem diesjährigen Motto der Biennale „In Minor Keys“, in leiseren „Moll-Tönen“. So wie es sich die Kuratorin Koyo Kouoh (Kamerun/Schweiz) gewünscht hatte, die im Mai vergangenen Jahres im Alter von 57 Jahren unerwartet verstarb. Ein noch von ihr eingesetztes Mitarbeiterteam konnte zwar ihre Vorbereitungen konzeptionell erfolgreich zu Ende bringen, doch begann diese Biennale auch mit Trauer.

Kunst abseits der westlichen Schauen

Koyo Kouohs Hauptausstellung im zentralen Pavillon der Giardini und den historischen Werftanlagen des Arsenale versucht, bei Verzicht auf eine thematische Struktur nach ihren Worten „Räume des Zuhörens“ und des künstlerischen Erlebens zu schaffen.

Es ist ein Treffen von 110 Beteiligten: Künstlerinnen, Künstler, Kollektive und Schulen vornehmlich des globalen Südens, denen bis auf wenige Ausnahmen (noch) nicht der Sprung in die führenden westlichen Kunstsammlungen gelungen ist und die einem breiten Publikum eher unbekannt sind. Es geht um ökologische Fragen, kulturelle Identitäten und soziale Auseinandersetzungen. Traditionelle Materialien und Techniken, etwa Wolle und Weben, spielen eine Rolle. Wobei westlich konnotierte Begriffe wie Kunsthandwerk ins Leere greifen.

Zu den bekannteren Künstlern gehört der Südafrikaner Johannes Phokela, der etwa in einer blau-weißen Interpretation Michelangelos allein eine schwarze Frau das Jüngste Gericht überleben lässt. Der US-Amerikaner Nick Cave liefert eine Serie von großformatigen Skulpturen, zumeist aus Bronze, bei denen der menschliche Körper mit pflanzlichen Elementen zusammenwächst – spektakulär im Freien am Ufer des Arsenals. Nationalitäten überlagern sich in dem Nigerianer Akinbode Akinbiyi, der in England geboren wurde und in Berlin lebt. Mit seinen Fotografien dokumentiert er Straßenhändler in Städten wie Dakar.

Carsten Höller ist (unter anderem mit einer Pilzskulptur) der einzige deutsche Vertreter in der Hauptausstellung. Überhaupt kommen wenige Künstlerinnen und Künstler aus Europa zu Wort. Und wenn, entsprechen sie mit ihren Arbeiten der Suche nach leisen Tönen. In den Länderpavillons geht es hier und da lauter zu. Etwa bei Florentina Holzinger, die für Österreich mit aufgeregter Aktionskunst Mensch-Natur-Beziehungen thematisiert, was ihr zur Eröffnung eine besondere Aufmerksamkeit der Medien einbrachte.

100 Nationen sind in diesem Jahr vertreten, fast die Hälfte (darunter Kuba, Portugal oder Island) hat keinen Ausstellungsplatz in den Giardini oder im Arsenale, sie liegen verstreut im Stadtgebiet Venedigs. Russland, dessen Teilnahme zu einem Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten der Biennale und der italienischen Regierung geführt hat, ist nach Jahren der Abstinenz wieder halb dabei: Der Pavillon bleibt geschlossen, aber davor laufen auf Monitoren Videos mit einem Musikprogramm, das bei der Preview vor der offiziellen Eröffnung der Biennale im da noch offenen Pavillon aufgenommen wurde.

Eigentlich ist die Struktur der Biennale heute ein Widerspruch in sich. Ursprünglich in der Tradition der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts gegründet, bei denen jedes Land wie bei einer Leistungsschau sein Bestes repräsentierte, stand die Kunst in Zusammenhang mit Politik, Diplomatie und Propaganda. Erst spät (ab 1980) wurde eine unabhängig kuratierte Hauptausstellung eingerichtet, die neben den einzelnen Länderbeiträgen die Höhepunkte der weltweiten Entwicklung – und das war zumeist die des Westens – zeigen sollte. Das wurde schrittweise in den letzten Jahren neu definiert, und Koyo Kouoh hat „In Minor Keys“ endgültig Abschied von einer enzyklopädischen Schau genommen und sucht nach Beziehungen, Erinnerungen, Kulturen.

Einzelne Länder entziehen sich

Und die Länderpavillons? Wen oder was repräsentieren heute die Künstlerinnen und Künstler, die in ihnen auftreten? Im besten Fall vertreten sie ihr Land nicht mehr, sondern stellen ihm Fragen. Brasilien setzt sich mit kolonialen Wunden auseinander, Dänemark mit Pornografie, Spanien mit dem Verschwinden von Vergangenheit und Marokko mit Märchen. Aktionskunst prägt die Vertretungen der Niederlande oder Japans. Beziehungslos bleibt der unbedarfte Auftritt der USA mit nichtssagenden Skulpturen. Israel entzieht sich poetisch der Aktualität.

Der Vatikan lädt in den „mystischen“ Klostergärten der Karmeliter hinter dem Bahnhof zu einer Klanginstallation. In einem zweiten Teil wird in der gerade renovierten Kirche Santa Maria Ausiliatrice ein noch von Alexander Kluge eingerichtetes Archiv zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard gezeigt. Nach dem Rücktritt einer internationalen Jury soll jetzt das Publikum entscheiden, wer mit einem goldenen Löwen ausgezeichnet wird.