Die zornigste Frau von New York

Kultur

Der große Filmemacher Martin Scorsese porträtiert in der kleinen Netflix-Dokuserie „Pretend it’s a City“ die Rednerin und Autorin Fran Lebowitz. Die ist vergnüglich ergrimmt über Zeitgeist und Mitmenschen.

Fran Lebowitz sieht sich als lustvolle Anklägerin der Welt.

Fran Lebowitz sieht sich als lustvolle Anklägerin der Welt.

(Foto: Foto: Imago/Future Image)

Von Thomas Klingenmaier

New York - Sie sei froh, wenn sie es schaffe, Klamotten zur Reinigung zu bringen, ohne unterwegs mit Wildfremden in Streit zu geraten, gesteht die New Yorkerin Fran Lebowitz. Wobei „gestehen“ vielleicht das falsche Wort ist. Was Lebowitz in der kleinen Netflix-Dokuserie „Pretend it’s a City“ ihrem Freund Martin Scorsese erzählt, pendelt zwischen zwei Polen: sachlicher „So ist mein Leben eben“-Feststellung und Stolz darauf, in einem Dschungel der Moden, Marotten und Blödheiten, in den man gar nicht hineinpassen will, auch gründlich anzuecken.

Sie sei der zornigste Mensch des Planeten, konstatiert die 70-jährige Autorin, Journalistin und Berufsrednerin mit ansteckender Vergnügtheit. Ihr geht schon auf den Senkel, dass die New Yorker – und erst die Touristen, die Touristen! – nicht mehr wissen, wie man sich im Trubel einer Metropole zu bewegen hat. Sie starren auf ihre Smartphones, tippen schlurfend oder hastend ihre Chatnachrichten, bleiben abrupt stehen oder pflanzen sich gar dauerhaft als glotzendes Hindernis in den Passantenstrom. Lebowitz herrscht sie dann an, nein, hupt sie beiseite, mit jenem Ausruf, der Scorseses Werklein den Titel gibt: „Pretend it’s a City!“, also: „Tun Sie mal so, als sei das hier ’ne Stadt!“

Hassliebe zu New York

Was für eine Stadt das ist, was für ein Bündel der Widersprüche, was für ein unwiderstehlicher Grillanzünder lebenslanger Hassliebe, bildet das Grundthema der sieben Folgen. So wird „Pretend it’s a City“ in mehrfacher Hinsicht eine nach vorne gerichtete Nostalgiefeier.

Hier wird ein alter New-York-Mythos so beschworen, dass man die Stadt nicht einfach pragmatisch an kulturlose Megaspekulanten und computergesteuerte Profitmaximierungsautomatismen verloren geben mag, sondern auf ihre Erneuerung hofft. Hier wird eine Form des Erzählens über Menschen gepflegt, die lebendig, quirlig, pointenfreudig ist, aber ganz weit weg von den Mätzchenquirlereien, die kommerzielle Porträtformen immer übler durchseuchen. Und hier werden öffentliche Veranstaltungen und intime Gesprächsrunden so präsentiert, dass wir Lockdown-Gebannten den Schwur fassen, in den irgendwann wieder anbrechenden Zeiten der maskenlosen Nahbegegnungen wertschätzenderen Gebrauch von solchen Möglichkeiten zu machen.

Freunde aus Partytagen

Der Filmemacher und die Autorin Lebowitz kennen einander schon lange. Keiner der beiden kann sich erinnern, wann sie das erste Mal aufeinander getroffen sind. Jedenfalls begegneten sie einander immer wieder auf Partys, und ohne dass sie erst auf die Idee kommen mussten, vielleicht eine Freundschaft anknüpfen zu wollen, redeten sie abendelang nur miteinander. 2010 hat Scorsese für den Kabelkanal HBO schon einmal einen Dokumentarfilm über Lebowitz gedreht, „Public Speaking“. Weil ihnen seit damals die Themen nicht ausgingen und auch nicht die sichtliche Freude aneinander, haben sie jetzt nachgelegt.

Scorsese hat eigens für die Serie Gespräche mit Lebowitz geführt, schneidet ein paar atmosphärische Stadtbilder dazwischen und fügt Mitschnitte aus öffentlichen Veranstaltungen und Talkshows hinzu. Bei denen hat mal er selbst, mal Spike Lee, mal Alec Baldwin moderiert. Wobei da nicht viel getan werden musste. Lebowitz hält sich selbst in Schwung.

Wie guter Jazz

Ob Stadtplanung, die Freuden des Lesens, Genuss und Schädlichkeiten von Süßigkeiten, die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen, der Gestank in der U-Bahn, die Metoo-Bewegung oder der Kult des Geldes, die streitbare Stadtbewohnerin gibt ihre Meinung in klarer Pose kund: „Ich bin Anklägerin.“

Dabei hat Lebowitz eine faszinierende Art zu sprechen: Aufs Prägnante verschlankt, mit punktgenauer Begriffswahl, mit Atempausen an unerwarteten Stellen und rennfahrtpräzisen Beschleunigungen. Sie verteilt Akzente, wie Eigenwillige des Jazz phrasieren, wie Thelonious Monk etwa Klavier gespielt hat: so überzeugend falsch laut Benimmregel, dass man sich fragt, ob etwas anderes je richtig war.

Eins mit der Verärgerung

Die meisten Comedians sind in ihren Stand-up-Routinen weniger dicht, klar und witzig. Trotzdem hat man nie das Gefühl, Lebowitz affektiere Abneigungen, um zu Pointen zu kommen. Sie wirkt authentisch, eins mit ihrer lustvollen Verärgerung, zufrieden damit, anders zu ticken.

Aus der Provinz nach New York gekommen, hat Lebowitz als Putzfrau gejobbt, für die Alternativpresse gearbeitet und schließlich einen Platz als Kolumnistin in Andy Warhols Magazin „Interview“ bekommen. Typischerweise kam sie auch mit Warhol nicht klar. Der sei, gibt sie sich überzeugt, 1987 nur gestorben, um sie zu ärgern. Zwei Wochen zuvor hatte sie nämlich ihre eigenen Warhol-Werke verkauft – nun schossen die Preise in die Höhe.

Verfügbarkeit: beim Streamingdienst Netflix, alle sieben Folgen bereits abrufbar

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