Buschi will Spaß – wie alle anderen auch

Kultur

In „Der Frosch und das Wasser“ schildert Thomas Stuber den Alltag eines Mannes mit Down-Syndrom als frustrierenden Strom von Bevormundungen. Bis dieser einen Ausbruch wagt.

Freunde: Hideo (Kanji Tsuda, li.)  und  Buschi (Aladdin Detlefsen, re.)

Freunde: Hideo (Kanji Tsuda, li.) und Buschi (Aladdin Detlefsen, re.)

(Foto: Pandora Film/Felix Abraham)

Von Kathrin Horster

Der Buschi ist weg! Mitten im Gewühl auf der Kölner Rheinbrücke hat sich der junge Mann, der eigentlich Stefan Busch (Aladdin Detlefsen) heißt, von seiner Gruppe davon gestohlen, um einer japanischen Reisegesellschaft zu folgen. Als Betreuerin Nicole (Bettina Stucky) Buschis Abwesenheit bemerkt, ist es zu spät. Stefan sitzt längst im Bus der Japaner, auf dem Weg nach Weimar. Soll er doch, der Mann ist erwachsen, könnte man meinen. Aber Buschi hat das Down-Syndrom und die Kommunikation mit ihm bleibt einseitig: Jemand sagt Buschi, was er zu tun und zu lassen hat, und er folgt. Oder eben nicht – wie auf der Kölner Rheinbrücke.

Der Umgang mit behinderten Menschen unterliegt nach wie vor Ängsten und Tabus. Auch Filmschaffende tun sich schwer, Behinderte in ihre Erzählungen einzubinden, mit ihnen zu arbeiten. Das berühmteste Beispiel dafür ist vielleicht Barry Levinsons Drama „Rain Main“ (1988) über einen Mann mit einer Autismus-Spektrumsstörung, verkörpert vom nicht-betroffenen Schauspieler Dustin Hoffman, der mit seinem Bruder eine Reise durch die USA unternimmt.

Da geht es ruppig zu

Der an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildete Thomas Stuber hat für sein auf den ersten Blick ähnlich gestricktes Roadmovie „Der Frosch und das Wasser“ mit Aladdin Detlefsen einen Schauspieler verpflichtet, der das Leben mit Down-Syndrom, gängige Vorurteile und den Umgang Nicht-Betroffener mit Behinderten kennt. Stubers bisherige Filme wie „In den Gängen“ über den Alltag in einem Großmarkt zeigen soziale Realitäten und wirken trotz ihrer stark stilisierten Bilder oft dokumentarisch, nicht wie überhöhtes Unterhaltungs-Kino. Deshalb mutet der Einstieg des Films in Buschis Alltag im Behindertenwohnheim auch gewöhnungsbedürftig ruppig an, wenn Betreuerin Nicole den Mittdreißiger wie ein Kleinkind zusammenfaltet, weil der sich in die Reihen seiner Mitbewohner geschmuggelt hat, um mit ihnen ins Schwimmbad zu gehen. „Buschi, du kannst nicht schwimmen!“, raunzt Nicole, und schiebt Stefan zurück in dessen Zimmer. Anhand dieser Alltagsbeobachtungen wird klar, warum sich Buschi auf der Rheinbrücke lieber den Japanern anschließt. Die Bevormundungen setzen ihm zu; Buschi will Spaß und Freiheit wie alle anderen auch. Im Alleinreisenden Hideo (Kanji Tsuda), der aufgrund eines Verlustes einen radikalen Tapetenwechsel braucht, findet Buschi einen Freund, der keine Erklärungen von ihm verlangt.

Eine schönere, gemeinsame Zukunft

Die Prämisse klingt einleuchtend, leicht macht es Thomas Stuber seinem Publikum aber nicht, weil er einerseits ungefiltert und spröde das Leben in Behinderteneinrichtungen zeigt, andererseits aber mit Buschis und Hideos Begegnung an die Klischees wohlmeinender Melodramen über besondere Freundschaften anzuknüpfen scheint. Diese emotionale Schere zwischen Buschis Frustration und dem Scheinversprechen auf ein heiteres Außenseiter-Roadmovie nach bewährter Formel verschärft Stuber noch, indem er das Publikum in die unbequeme Position versetzt, sich zu fragen, wie man selbst jemandem wie Buschi begegnen würde. Dass Hideo mit dem gepäcklosen Unbekannten einfach so eine Nacht im Hotelzimmer verbringt, mit ihm zu Mittag isst, um anschließend mit ihm durch die Gegend zu streifen, erscheint fast märchenhaft. Zwar auch, weil diese Dinge möglich sind, obwohl dem Reiseleiter die Mehrkosten im Restaurant auffallen, nicht aber das ihm eigentlich unbekannte Gesicht Buschis. Aber eben auch, weil eine Freundschaft auf Augenhöhe zwischen einem Mann mit Down-Syndrom und einem Norm-Gesunden mehr als selten ist.

Stuber entwickelt eine Utopie, in der Logik, Sprache, Kultur, soziale und physische Normen keine Rolle spielen und in der zwei Männer sich gegenseitig als Wahlverwandte aussuchen. In einem konventionellen Drama wie „Rain Man“ bleibt eine solche Verbrüderung nur von kurzer Dauer; der Behinderte muss in seine eigene Welt zurückkehren, bereichert von den Erfahrungen draußen in der anderen Welt, aber eben nur auf Besuch in ihr. Stuber schenkt Hideo und Stefan eine schönere, gemeinsame Zukunft. So einfach und selbstverständlich wie hier bleibt sie aber ein Märchen.

Der Frosch und das Wasser. Deutschland 2026. Regie: Thomas Stuber. Mit Aladdin Detlefsen, Kanji Tsuda, Meltem Kaptan. 113 Minuten. Ab 6 Jahren.