Aufbruch als Prinzip

Kultur

Mit dem Schnellboot Edition Cantz rollte Bernd Barde nach 1990 von Stuttgart aus den Kunstbuch-Markt auf. Sein völlig überraschender Tod mit 68 Jahren reißt ihn aus einem neuen Anlauf unter der Flagge Cantz.

Immer der Kunst zugewandt: Bernd Barde

Immer der Kunst zugewandt: Bernd Barde

(Foto: Foto: Harri Christ)

Von Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - Schnell ist Bernd Barde unterwegs, als er am 1. Juli 1987 seine Arbeit als Geschäftsführer der Dr. Cantz’schen Druckerei in Stuttgart-Bad Cannstatt aufnimmt. Ein Schwergewicht von eigener Präsenz tritt an und auf, Barde spricht von Tempo und Effizienz, mehr noch aber über die entscheidende Größe – die Druckqualität. Dafür steht Cantz vor allem im in den von thematischen Großausstellungen geprägten 1980er Jahren rasch gewachsenen Kunstbuchmarkt – doch seinerzeit endet damit weitgehend die Kennung des Unternehmens.

Chance Edition Cantz

Umso mehr interessiert sich Bernd Barde für eine kleine, aber feine Pflanze: die Edition Cantz als verlegerische Eigenmarke. Seit Jahrzehnten etabliert ist dagegen ein ebenfalls in Stuttgart-Bad Cannstatt zu findender Verlag. Gerd Hatje führt ihn seit 1947. Mit Feinsinn für Architektur und Gestaltung, mit dem Gewicht internationaler Kontakte. 1990, Gerd Hatje ist 75 Jahre alt, verkauft der Grandseigneur des deutschen Kunstbuchmarktes seinen Verlag an die Dr. Cantzsche Druckerei.

Durchbruch mit der Documenta IX

Im belgischen Gent wird Jan Hoet auf die neue publizistische Kraft aufmerksam. Als künstlerischer Leiter der Weltkunstausstellung Documenta IX, 1992 in Kassel, suchen der Flame und sein Team einen Partner für ihre Vorstellungen einer Documenta, die sich nicht auf den reinen Ausstellungszeitraum beschränkt. Ein Treffen in der Druckerei in Bad Cannstatt gibt den Ausschlag. Bernd Barde setzt auf betonte Bodenständigkeit im eigenen Auftritt und auf Neuland-Lust. Mit Erfolg – die Publikationen der Documenta IX kommen aus Stuttgart. Nun spielt die Edition Cantz auf der großen Bühne mit, gestärkt zudem durch eine gewichtige Partnerschaft mit der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn.

Wagnis US-Markt

Immer mittendrin: Bernd Barde. Impulsiv, anstiftend im besten Sinn – und mit dem notwendigen Gespür für Schwachstellen im rasch wachsenden System. Als 1995 auch Catherine David, künstlerische Leiterin der Documenta X, 1997 in Kassel, auf die Edition Cantz vertraut, ist Bernd Barde schon wieder an neuen Ufern. Aus Bonn hat er Annette Kulenkampff als Programmleiterin nach Stuttgart geholt, und Markus Hartmann vertraut er das Erschließen einen neuen Marktes an – Barde sieht die Großausstellungen in den USA als Chance.

Alles auf Anfang

Den nun längst stolzen Verlag Hatje Cantz verlässt Bernd Barde 2003, in der pfälzischen Heimat führt er das Unternehmen Nino Druck zu neuer Intensität – und stellt für sich selbst 2017 noch einmal alles auf Anfang. In der Esslinger Wurzel Gruppe lässt Barde die Edition Cantz wieder aufleben. Eines der ersten Projekte rückt Roman Novitzky, Erster Solist und Choreograf des Stuttgarter Balletts, als Fotograf in den Fokus. „Der tanzende Blick“ ist der Band betitelt – und eben diesen schreiben viele Wegbegleiter auch Bernd Barde zu. Er holt Uta Grosenick für den neuerlichen Anlauf auf den Kunstbuchmarkt – seit Herbst 2019 steuert sie die Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft (DCV) mit Sitz in Berlin.

Plötzlicher Herztod

Bernd Barde denkt derweil weit voraus, will, wie er Heinz Wurzel sagt, „noch einmal richtig angreifen“. Ist ihm, der nach wiederholten Dämpfern betont bewusst lebt, das persönliche Risiko der erhöhten Schlagzahl bewusst? Zweifellos. Und doch kommt die Nachricht vom Herztod Bernd Bardes am vorvergangenen Freitagabend im pfälzischen Deidesheim völlig überraschend.

Begeisterung spürbar

Bernd Barde, dessen Lächeln noch Aufforderungscharakter hatte, war mehr als 30 Jahre eine der zentralen Figuren im Kunstbuchmarkt. Als Netzwerker, als Macher, als Freund von Künstlerinnen und Künstlern wie Marina Abramovic, Rebecca Horn und Franz Erhard Walther. Als Liebhaber zudem der Typografie und den Möglichkeiten des Druckens, wie er sie fast verschwenderisch in Kurt Weidemanns längst zum Kultbuch avancierten „Wo der Buchstabe das Wort führt“ nutzt.

Ständiger Antritt

Bernd Barde ist tot. Das ist auch mit etwas Abstand schwer fassbar. Was bleibt? Sicher seine Frage, die dem Gegenüber, doch irgendwie immer auch voll eigener Leidenschaft der aus seiner Sicht noch immer und schon wieder verkrusteten Kunstszene an sich galt: „Wollten Sie nicht ...?“.

Artikel empfehlen